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Geburtsmedizin - Kritik von Ärzten

Auswahl kritischer Stimmen

Wir beobachten, wie sich das Erfahrungswissen von Hebammen und das Bestreben nach technisch-medizinischer Kontrolle durch Geburtsmediziner gegenüber stehen. Die Unvereinbarkeit weiblicher Sichtweisen auf die Geburt mit männlichen Herangehensweisen ist eine Tatsache und resultiert auch aus der biologischen Unterschiedlichkeit der Geschlechter.

Hier eine kleine Auswahl kritischer Stimmen an der Geburtsmedizin aus medizinischer und psychologischer Sicht:

Marsden Wagner,
amerikanischer Pädiater, leitete 15 Jahre lang die Abteilung „Mutter-Kind-Gesundheit“ des Regionalbüros für Europa der Weltgesundheitsorganisation WHO in Kopenhagen.
„ Wehentätigkeit und Geburt sind Funktionen des autonomen Nervensystems und unterliegen deshalb nicht der bewussten Kontrolle. Infolgedessen gibt es prinzipiell zwei Ansätze für die Betreuung während der Geburt: mit der Frau (zusammen) zu arbeiten, um ihre eigenen autonomen Reaktionen zu erleichtern – die humanisierte Geburt; oder die medikalisierte Geburt, bei der die biologischen Vorgänge nicht berücksichtigt, sondern überlagert werden durch Eingriffe von außen mit Hilfe von zusätzlichen Interventionen wie Medikamenten und operativen Eingriffen. (1)

Alfred Rockenschaub,
bis 1985 Primarius an der Ignaz-Semmelweis-Geburtsklinik Wien: „Die Hebammen waren von alters her ein hoch angesehener und rein weiblicher Beruf. Welche Faktoren beim Führungswechsel am Gebärbett eine Rolle gespielt haben könnten, ist schwer zu sagen. Eine besondere Rolle dürfte der Einführung der Zange um 1723 zugekommen sein, die zu einer Art Statussymbol der Geburtsmediziner wurde. Was hätten Hebammen dagegen tun können? Schwer zu sagen, wenn man daran denkt, wie übel das geburtsmedizinische Establishment mit so berühmten Leuten wie Boer und Semmelweis verfahren ist… siehe auch den Fall Marina Markovich… Frauen - nicht nur Hebammen - haben es schwer, dagegen anzukämpfen, da gerade im Bereich der Geburtshilfe die Emanzipation mehr als anderswo im Argen liegt. Die Gehirnwäsche geht nun schon wieder so weit, dass man die Wunschsectio als besonders emanzipatorisch hinstellt.“ (2)

Prof. Klosterman
, Universität Amsterdam: „Viele...Ärzte glauben fest daran, dass wir alles verbessern können, sogar die natürliche Geburt bei einer gesunden Frau. Diese Philosophie ist die Philosophie jener, die glauben, dass es bedauernswert ist, dass sie bei der Erschaffung Evas nicht hinzugezogen wurden, weil sie es besser gemacht hätten...“ (3)

Zur Geburt in Rückenlage, die vor ca. 150 Jahren durchgesetzt wurde, äußert sich
Peter MacNaughton Dunn, Prof. of Perinatal Medicine and Child Health and Consultant to WHO, Universität Bristol:
„Wie mittlerweile in etlichen Veröffentlichungen gezeigt wurde, könnte keine andere Haltung unnatürlicher und unphysiologischer sein. Im Resultat wird das Gebären in Rückenlage länger, schmerzhafter und gefährlicher gemacht. Wenn nur mehr Aufmerksamkeit auf Beweglichkeit, Haltung und Nutzung der Schwerkraft gerichtet würde, bestünde weniger Bedarf an Wehenunterstützung, Schmerzmitteln, Zangen- und Kaiserschnittentbindungen.“(4)

Dr. med. Ludwig Janus
, Psychoanalytiker, ehem. Präsident der Internationalen Gesellschaft für Pränatale und Perinatale Psychologie und Medizin (ISPPM):
„Die Geburtsmedizin und die Neonatalogie sind heute technisch enorm entwickelt und stellen eine früher ungekannte Sicherheit der Geburt her. Die Kehrseite besteht darin, dass heute Geburten und auch die vorgeburtliche Entwicklung durch eine Vielzahl von Interventionen belastet sind, die zu wenig auf ihre psychologischen Folgewirkungen reflektiert werden. Für das Kind sind geburtshilfliche Eingriffe und Anästhesien oft sehr dramatische und es in seiner Erlebnisverarbeitung überfordernde Eingriffe, wie wir heute aus zahlreichen psychotherapeutischen Beobachtungen wissen.“(5)

(1) Beate Schücking (Hg.): Selbstbestimmung der Frau in Gynäkologie und Geburtshilfe. Verlag Vandenhoeck und Ruprecht Göttingen, 2003, S. 48 f.
(2) Hebammen Forum 4/2003
(3) MacNaughton Dunn (1995) S. 226 In: Wulf Schiefenhöfel et.al (Hg: Gebären – Ethnomedizinische Perspektiven und neue Wege. VWB Verlag Berlin.1995.
(4) ebenda S.227
(5) BzgAForum Sexualaufklärung (2006)