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Geburtsstellungen: sitzen, stehen, Wassergeburt?

"Je beweglicher desto besser"

Interview mit Dr. Christiane Schwarz am 10.12.2015. Nicola Wilbrand-Donzelli, t-online.de

75 Prozent der Klinikgeburten erfolgen in der "falschen" Position. Auch wenn es so in den meisten Kliniken praktiziert wird: Viel spricht nicht für die Geburt in Rückenlage. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Eine Geburt im Entbindungsbett ist in Deutschland die am meisten verbreitete Methode.
Drei von vier Frauen bringen ihr Kind in Rückenlage zur Welt. Das ist alles andere als ideal,
findet die Hebamme und Hebammen-Lehrerin Christiane Schwarz aus Hannover. Sie
erklärt, welche Geburtshaltungen für Mutter und Kind besser sind.

Frauen haben vielfältige Möglichkeiten, die Geburt ihres Babys zu gestalten: Sie können wählen,
ob ihr Kind im Geburtshaus, zu Hause oder in der Klinik zur Welt kommt. Auch während der
Entbindung sollten sie mitentscheiden, welche Gebärposition für sie am angenehmsten ist
-sei es Stehen, Hocken oder Liegen.

Die Rückenlage hat erhebliche Nachteile: "In dieser Position kann sich das Becken nicht
bewegen, und der Geburtskanal ist enger. Deshalb hat die Frau mehr Schmerzen, und die Geburt
dauert im Vergleich auch länger," erklärt Schwarz im Apothekenmagazin "Baby und Familie".

Je beweglicher desto besser

Im Gespräch mit t-online.de erklärt Schwarz, die auch Dozentin an der Medizinischen Hochschule
Hannover ist, dass es die für alle Frauen "ideale Gebärhaltung" nicht gibt. "Eigentlich gibt es nur
individuelle Positionen für die individuelle Frau während einer individuellen Geburt."

Das heißt, jede Schwangere muss selbst spüren und mit der fachkundigen Unterstützung der
Hebamme herausfinden, was ihr gut tut. "Alles was statisch und unveränderbar ist, ist schlecht bei
einer Geburt. Variabilität ist das Maß aller Dinge", kommentiert Schwarz. "Der natürliche Reflex
des Menschen ist es, bei jeder Art von Schmerz lindernde Anpassungsbewegungen zu machen.
Man denke nur an das typische, heftige Fingerschütteln, nachdem man sich mit dem Hammer auf
den Nagel gehauen hat."

Übertragen auf eine Geburt bedeutet dies: Indem sich Frauen während der Entbindung bewegen
und die für sie im jeweiligen Moment angenehmste Haltung einnehmen können, setzen sie einen
Gegenimpuls zum Wehenschmerz, mildern ihn so ab und tun automatisch das Richtige für sich
und das Baby.

Vertikale Gebärpositionen sind besser als horizontale

Diese wohltuende Flexibilität ist insbesondere bei eher vertikalen Geburtshaltungen möglich, zu
denen Stehen, Hocken, Knien und der Vierfüßlerstand zählen. "Eigentlich sind dies die
natürlichsten Gebärpostionen", erläutert Schwarz. "Hier wirkt sich zum einen die Schwerkraft
positiv aus und zum anderen kann die werdende Mutter durch die Bewegungsfreiheit ihre
Muskulatur optimal einsetzen. Das beschleunigt oftmals den Vorgang ohne dabei mehr
Schmerzen zu verursachen. Man zahlt also keinen 'höheren Preis' für die Schnelligkeit."

Außerdem werde bei aufrechter Haltung die Gebärmutter stärker durchblutet, so dass die
Sauerstoffversorgung des Kindes besser sei und die Risiken geringer würden. Außerdem seien
seltener Dammschnitte nötig, weil das Baby nicht plötzlich "befreit" werden müsse.

Vertikale Gebärhaltungen haben jedoch nicht nur aus medizinischer Sicht zahlreiche Vorzüge. Sie
motivieren und beflügeln die werdenden Mütter. Schwarz sagt: "Frauen, die in solchen Positionen
entbinden und dadurch die Geburt selbst steuern können, haben meist ein deutlich positiveres
Geburtserlebnis, weil sie sich nicht so ausgeliefert fühlen - nach dem Motto: 'Ich habe das
geschafft, weil ich selbst aktiv sein konnte und nicht fremd bestimmt war.'" Es sei hilfreich, wenn
die Gebärende bei der Entbindung eine vertraute Person bei sich habe, die sie immer wieder zur
Bewegung und zum Positionswechsel ermutige.

Gebärende in "Küchenarbeitshöhe"

Angesichts solcher Erfahrungswerte ist es verwunderlich, dass an deutschen Krankenhäusern
immer noch rund 75 Prozent der Entbindungen in der eher statischen Liegeposition auf dem
Kreißsaalbett stattfinden. Zusätzlich bekämen 60 Prozent der Schwangeren eine PDA gelegt und
seien zusätzlich zu Passivität verurteilt, erklärt Schwarz, die seit 30 Jahren als Hebamme arbeitet.
In der außerklinischen Geburtshilfe bevorzugen nach ihrer Erfahrung nur wenige Frauen die die
liegende Gebärhaltung.

"Für einen möglichst reibungslosen Ablauf des Klinikbetriebes ist es praktischer, die Schwangeren
in 'Küchenarbeitshöhe' - ähnlich wie im OP - vor sich zu haben. Das ist bequem für die beteiligten
Helfer, denn so ist es leichter, mehrere Geburten gleichzeitig zu betreuen", merkt Schwarz kritisch
an. "Geburtshelfer können bei liegenden Frauen beispielsweise besser einen Dammschnitt
durchführen."

Uniklinik Frankfurt unterstützt "Vierfüßler-Haltung"

In manchen Entbindungsstationen löst man sich allerdings mittlerweile von der Gewohnheit,
bevorzugt Geburten in der Horizontalen durchzuführen. In der Uniklinik Frankfurt etwa, berichtet
Schwarz, werde zunehmend der "Vierfüßlerstand" als optimale Gebärhaltung empfohlen. Diese
Position habe sich gerade bei Babys in Steißlage bewährt, denn Kaiserschnitte könnten dadurch
vermieden werden.

Welche Entbindungspositionen es gibt und welche Vor- und Nachteile sie haben, vermittelt der
folgende Überblick mit Erläuterungen von Geburtshelferin Christiane Schwarz:

1. Rückenlage: "Eigentlich hat diese unflexible Liegehaltung für Mutter und Kind keine Vorteile.
Im Gegenteil: Es kann sogar gefährlich werden, wenn durch die andauernde Rückenlage das
sogenannte Vena-Cava-Kompressionssyndrom auftritt. Dabei handelt es sich um eine
Komplikation, bei der durch das Gewicht des Kindes die Blutzufuhr zum Herzen der Mutter
behindert wird. Die Folge: Kreislaufstörungen und Übelkeit bei der Mutter sowie eine
mögliche Sauerstoffunterversorgung beim Baby."

2. Sitzen: "Die starre Gebärstellung ist fast identisch mit der Rückenlage, denn sie ist eigentlich
nichts anderes als Sitzen im Entbindungsbett. Deshalb zählt diese Haltung zu den weniger
vorteilhaften Positionen, da sie sich vor allem durch geringe Dynamik auszeichnet und den
Schwangeren wenig Raum gibt, aktiv mitzuwirken."

3. Seitenlage: "Diese Gebärhaltung hat den Vorteil, dass sich die Schwangeren dabei gut
ausruhen und entspannen können. Der Nachteil ist, dass in dieser horizontalen Position der
Geburtsvorgang nur wenig unterstützt wird, denn weder Schwerkraft noch muskuläre Kraft
können dabei optimal genutzt werden."

4. Vierfüßlerstand: "Diese Haltung garantiert zum einen gute Bewegungsmöglichkeiten und
zum anderen können Rückenschmerzen so gemildert werden. Außerdem wird der Damm
entlastet, so dass es seltener zu Rissen kommt. Der Nachteil des Vierfüßlerstandes ist
jedoch, dass er anstrengend ist - insbesondere für die Bein- und Armmuskulatur. Leichter
geht es, wenn die Frau sich mit den Armen auf einem Gymnastikball abstützt. Hinzu kommt,
dass diese Position von Frauen nicht selten als beschämend empfunden wird, da sie die
Haltung mit Intimität und Sexualität assoziieren."

5. Knie-Ellenbogen-Haltung: "Diese Gebärposition nutzen Frauen nur sehr selten. Sie ist
nämlich extrem unbequem, weil schon nach kurzer Zeit sowohl die Ellenbogen als die Knie
extrem schmerzen. Dennoch wird auf diese Haltung manchmal als Notfallposition
zurückgegriffen. Das hat nämlich den Vorteil, dass der Kopf des Kindes nicht so sehr nach
unten drückt."

6. Stehen: "Durch diese vertikale, am wenigsten statische Haltung, wird der Gebärvorgang
optimal unterstützt und beschleunigt, da eine maximale Beweglichkeit des Beckens möglich
ist. Doch das dauerhafte Stehen ist sehr anstrengend, außerdem wirkt dabei großer Druck
auf den Kopf des Kindes ein."

7. Knie-Position: "Hier gibt es zwar dieselben Vorteile wie beim Stehen, doch ist das Knien
wesentlich unkomfortabler: Meist ist die Belastungsgrenze nach zwei, drei Wehen erreicht,
weil die Knie dann zu sehr weh tun. Eine Ausnahme ist das Knien in der Geburtswanne."

8. Hock-Stellung: "Auch diese Haltung ist eine gute Unterstützung für den
Entbindungsvorgang, weil die Hock-Position eine Weitung des Beckenausgang verursacht.
Der Nachteil: Das Ganze ist ausgesprochen unbequem. Die Position kann jedoch
angenehmer gemacht werden, indem die Frauen auf einem Hocker sitzen oder sich an ihre
Begleitung 'hängen'. Das ist weniger kräftezehrend und das Risiko, dass die Beine
einschlafen ist auch geringer."

9. Wassergeburt: "In einer Geburtswanne zu entbinden hat eigentlich keine Nachteile, nur
Vorteile. Deshalb ist es mein Favorit unter den Gebärhaltungen. Die Frauen sind im Wasser
völlig frei in ihrer Beweglichkeit und empfinden die Geburt im nassen Element meist als
weniger anstrengend. Außerdem wirkt das angenehm warme Wasser schmerzlindernd und
hilft Dammrisse zu vermeiden. Auch Keimbelastung muss hier nicht befürchtet werden.
Diese Methode ist mittlerweile so beliebt, dass sie in einigen Entbindungsstationen
beziehungsweise Geburtshäusern, die Wassergeburten anbieten, bis zu 50 Prozent der
Geburten ausmachen."