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Mutterpass - so ist er entstanden

Über 250 Eintragungfelder und -spalten für Untersuchungsergebnisse

 

Was untersucht und getestet werden soll, bestimmen die Ärzteverbände zusammen mit den Krankenkassen. Festgehalten werden alle Vereinbarungen in den Mutterschaftsrichtlinien.

Die praktizierenden Ärzte unterliegen ärztlichem Berufsrecht. Sie müssen sich an die Mutterschaftsrichtlinien halten. Der „Gemeinsame Bundesausschuss“ aller Arzt-Länderkammern (G-BA) ist Verfasser und Herausgeber des Mutterpasses.

Für Eltern sind die Vorgaben des Mutterpasses nicht bindend.
Die Vorsorge ist und bleibt grundsätzlich freiwillig, egal ob bei Hebamme und/ oder Arzt. Es ist Elternrecht, die Vorsorge in Anspruch zu nehmen oder nicht, weil Elternrecht verfassungsrechtlich über dem Arzt-Berufsrecht steht. Das bedeutet für Eltern eine hohe Verantwortlichkeit. Sie können bei der Vorsorge wählen und selbst bestimmen, welche und wie viele Leistungen sie in Anspruch nehmen wollen.

Mutterpass 1971   Erweiterung des Mutterpasses

   Bis in die 1970er Jahre gab es ein
   oktavheftgroßes Büchlein, in dem
   die erforderlichen Daten einer
   schwangeren Frau erfasst wurden.
   Blutgruppe, Gewicht, Urin, HB-Wert,
   Rhesusfaktor. Wenige Abfragen reichten
   aus.

   Finanzieller Anreiz
   führt zur Etablierung der Arztvorsorge

   „Um Frauen zur Vorsorge in die
   Frauenarztpraxen zu lenken, wurde von den
Krankenkassen von 1965 bis 1982 ein finanzieller Anreiz geschaffen. Für einen ausgefüllten Mutterpass mit 10 Untersuchungsterminen bekamen Frauen DM 100,- vergütet.“(1) (S. 176)

Die Erweiterung des Mutterpasses führte Schritt für Schritt zu einem für Laien kaum verständlichen ärztlichen Mess-, Kontroll- und Normierungskatalog.
Fachausdrücke, können Laien kaum verstehen. Die Gewichtung eines bescheinigten Risikos ist nicht möglich.

Die Lenkung von Frauen Richtung Klinik war ein Nebeneffekt der Gewöhnung (abgesehen von damals 10 Tagen Erholung und Pflege im Krankenhaus, welche die bereits bröckelnde Familienunterstützung ersetzte). Diese Art der Vorsorge – so sehen wir rückblickend - war und ist wirksamer Hebel, um schwangere Frauen an den Gang in die gynäkologische Praxis zu gewöhnen und die Klinikgeburt zu etablieren.

Mehr als 250 Eintragungen, Werte und Kurven werden eingezeichnet. Die schwangere Frau wird aufgefordert, den Pass stets bei sich zu tragen. Viele Frauen lassen sich die Begriffe und Eintragungen von ihrer Hebamme erklären. Bei mehr als 75 % der Frauen werden Risiken angekreuzt. Das verändert das Bewusstsein der schwangeren Frau von sich selbst, alarmiert, macht Stress, verführt zu fragwürdigen kostenpflichtigen pränataldiagnostischen Tests und überschattet in vielen Fällen die Schwangerschaft.

KritikerInnnen sagen, der heutige Mutterpass führe zu einer pathologischen Sichtweise von Schwangerschaft und Geburt.

Binnen 50 Jahren wurde die ärztliche Kontrolle über fast alle Frauen ab Beginn der Schwangerschaft durchgesetzt. Hebammen wurden nicht beteiligt.

„Bei der Entstehung und der Ausdehnung des Arzt-Mutterpasses haben Hebammen nicht mitgewirkt. Alle bisherigen Versuche zur Reform scheiterten. Die Mitwirkung von Hebammen im G-BA, obgleich vom Arzt-Mutterpass in ihrer Berufsausübung unmittelbar betroffen, ist nicht vorgesehen.“ (1 S. 192)
Der Arbeitskreis Frauengesundheit (AKF), dem Hunderte Frauenärztinnen angehören, erarbeitete Vorschläge zur Reform des Mutterpasses. 2011 musste er bei einer Tagung öffentlich bestätigen, dass aufgrund der „Gender-Situation“ im G-BA die überfälligen Reformvorschläge abgelehnt werden. Im Klartext: Die männlichen Verbandsvertreter der Gynäkologenverbände bildeten die Mehrheit und lehnten Reformen ab.

(1) Zitate aus : Behrmann I.; Bös, U.: Die Geburt meines ersten Kindes - Geburtserfahrungen, Geburtsakten und Erläuterungen schwerer Geburten in der Klinik. Fidibus 2013