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Errechneter Termin (ET) S1-Leitlinie

Geburt hat einen richtigen Zeitpunkt, aber kein festes Datum

Leitlinien geben Ärzten eine Handlungsorientierung, um eine Pathologie während der Schwangerschaft oder Geburt zu erkennen. S1-Leitlinien sind lediglich Empfehlungen, weil nur wenig wissenschaftliche Grundlagen vorhanden sind. S3-Leitlinien haben einen höheren wissenschaftlichen Standard und darum eine größere Verbindlichkeit. Zum ET gibt es nur eine S1-Leitlinie.
2011 formulierte die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaften (DGHWi) dazu eine kritische Stellungnahme. Es liegt ein Beschluss zur Überarbeitung wegen nachgewiesener Mängel vor.*
Das Ziel ist, eine S3-Leitlinie zu erarbeiten. Die veraltete Leitlinie wurde bis zum 27.2.2019 verlängert.

Nur ca. 4 % aller Babys kommen am errechnete Geburtstermin (ET) zur Welt.
Die Festlegung eines genauen Termins ist aus verschiedenen Gründen schwierig:

  • Die Grundlage der Berechnung sind die Kenntnis bzw. die Annahme des Tags der Befruchtung und die durchschnittliche Schwangerschaftsdauer von 280 Tagen. Der Menstruationszyklus jeder Frau hat eine unterschiedliche Länge, die auch von Monat zu Monat variieren kann. Daraus ergibt sich eine hohe Ungenauigkeit des ET. Häufig sind Terminkorrekturen im Laufe der Schwangerschaft sinnvoll.
  • Der ET kann immer nur ein angenommener Mittelwert sein, da unstrittig ist, dass außerdem die kindliche Reifezeit um ca. 5 Wochen variiert.
  • Eine Folge der Festlegung eines errechneten Geburtstermins ist die "Terminüberschreitung". So kann der Eindruck entstehen, dass mit einer Gefährdung des Kindes zu rechnen ist, sobald das Kind nicht am ET geboren wurde.
  • Ärztlich angeordnete dicht getaktete Überwachungsuntersuchungen verstärken Gedanken an eine mögliche Gefahrenlage. Das kann die Frau und das Kind unter Stress setzen.
  • Die umstrittene Regelung, dass sich eine schwangere Frau am ET + 3 Tagen einem Facharzt vorstellen muss, enspricht ärztlichem und bürokratischem Kontroll- und Überwachungsverhalten (abgesehen von der Verletzung des Berufsrechts von Hebammen). Auch das stresst Mutter und Kind.
  • Geplante Kaiserschnitte werden ab 38. SSW + 1 Tag vorgenommen, weil davon ausgegangen wird, dass das Baby dann vollständig entwickelt ist. Allerdings kann das Kind dadurch um 4 Wochen Reifezeit im Bauch seiner Mutter gebracht werden, falls es eben nicht 38 sondern 42 Wochen für seine vorgeburtliche Entwicklung gebraucht hätte. Das sollten Eltern wissen und bedenken.
  • Das "Alter" des ungeborenen Kindes auf den Tag genau per Ultraschall bestimmen zu wollen, ist nicht möglich. Diese Technik ist dafür zu ungenau - abgesehen von den Risiken nichtionisierender Strahlung für das Kind im Frühstadium der Schwangerschaft.
  • Der ET ist maßgeblich für Arbeitsrecht und Mutterschutz. Darum sind Frauen und auch Arbeitgeber an einem fixen Termin interessiert. Realistisch ist aber ein möglicher Geburtszeitraum ET +/- 14 Tage. Darauf sollten sich Frauen innerlich einstellen.
  • Ist der Termin erreicht, wäre es wichtig, gelassen zu bleiben. Es ist erst etwa die Hälfte des möglichen Geburtszeitraums verstrichen.

*Fazit der DGHWi-Stellungnahme von 2011:
„Die S1-Leitlinie 'Vorgehen bei Terminüberschreitung und Übertragung' sollte aufgrund bestehender Mängel ausgesetzt und zum baldmöglichsten Zeitpunkt in einer mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der tangierenden Fachgesellschaften, einschließlich der DGHWI, besetzten Arbeitsgruppe im Sinne einer S3-Leitlinie neu formuliert werden.“ (S1-Leitlinie = niedriger wissenschaftlicher Grad, S3-Leitlinie = hoher wissenschaftlicher Grad)