geburts abc

Wehenschwäche

Diagnose oft infolge von Zeitdruck

Die Entwicklung von Wehen ist individuell verschieden. Entsprechend archaischer Entwicklungsprozesse, gehen Wehen vom Stammhirn aus. Störungen können duch Unruhe, Stress, helles Licht, Fremdheitsgefühle und Angst verursacht werden. Auf all das nimmt die Klinikroutine bisher kaum Rücksicht.

In der Eröffnungsphase zur Geburt wird eine Stundenzahl gesetzt, innerhalb derer der Muttermund offen sein soll. Für alle Frauen wird eine einheitliche zeitliche Dauer zugrunde gelegt. Das führt dazu, dass Frauen, bei denen die Öffnung des Muttermunds länger dauert, die Diagnose „Wehenschwäche“ gestellt wird. Spätestens ab dem Moment gilt die Frau als behandlungsbedürftige Patientin. Sie erhält wehenbeschleunigende Medikamente. Das passiert jeder fünften Frau in Deutschland.
Medizinhistorische Studien (1) zeigen, dass „Wehenschwäche“ eine klinische Diagnose ist, die dann gestellt wird, wenn eine Frau nicht im vorgegebenen Zeitraum die Muttermundöffnung "schafft", bzw. ein medizinisch festgelegtes Zeitmaß nicht erfüllt. Die einzelne Frau wird dem errechneten Durchschnittswert unterworfen, egal ob sie Erst- oder Zweitgebärende ist.

Sobald synthetische Wehenmittel verabreicht werden, wird das feine hormonelle Zusammenspiel zwischen der Mutter und ihrem Baby derart gestört, dass eine naturgemäße Geburt nicht mehr möglich ist. Ab jetzt kommt es zum Anlegen des Dauer-CTG, um die Herztöne des Babys und der Mutter kontinuierlich überwachen zu können. Die dann künstlich erzeugte Intensität und Häufigkeit der Wehen führt erfahrungsgemäß zu starken Schmerzen. Daraus ergibt sich der Wunsch der Gebärenden nach Schmerzmitteln bzw. werden ihr diese angeboten und verabreicht. Tritt als weitere Folge eine Kreislaufschwäche oder andere Nebenwirkungen ein, werden weitere Medikamente erforderlich, um den Geburtsvorgang medikamentös zu steuern.

Häufig wird eine PDA gegeben. Die Gebärende spürt ihren Unterkörper wenig oder gar nicht mehr. An hilfreiche Bewegungen der Mutter, die dem Baby helfen, seinen Geburtsweg zu finden, ist nicht mehr zu denken. Auf Wehen- und Schmerzmittel reagiert das Baby häufig mit „schlechten Herztönen“.  Die Gebärende wird zusätzlich durch den etwa 6 cm breiten Gürtel, der sie mit dem CTG-Gerät verbindet, in ihrer Bewegungsfreiheit behindert. Bei bis zu 50% der CTG-Messungen kommt es vor und während der Geburt hinsichtlich der Einschätzung der Gefährdungslage des Kindes zu Fehldiagnosen (Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe 2014). Nach Aussagen einer geburtshilflichen Ärztin zeigen in den zwei Stunden vor der Geburt sogar 90 Prozent der CTGs pathologische Ergebnisse. („Gegen den Trend – Wie es gelingen kann, die Kaiserschnittrate zu senken“ Broschüre des AKF 2018, S. 12)

Wenn der Geburtsprozess außer Kontrolle gerät, liegt es nahe, auf den „rettenden“ Kaiserschnitt zuzusteuern. Siehe Geburts-ABC: Interventionskaskade.

Dass Frauen außerklinisch viel seltener an „Wehenschwächen“ leiden, zeigt, dass es psychosoziale Faktoren sind, die bei der Entwicklung der Wehentätigkeit maßgeblich sind. Zeitvorgaben führen dazu, dass Gebärende in Kliniken zur Eile angetrieben unter Druck geraten. Nicht berücksichtigt werden individuelle und psychosoziale Faktoren wie z. B. die Fremdsituation Klinik, fehlende persönliche Betreuung und Alleingelassenwerden, Angst vor Schmerzen, Angst vor der nahenden großen Verantwortung und die familiäre Situation im Hintergrund.

Geburt braucht Zeit, weil sie ein individueller Reifungs- und Entwicklungsschritt ist. Ohne Druck von außen kann sich die gebärende Frau leichter entspannen und öffnen. Darum ist es wesentlich, dass ihr die Zeit gegeben wird, die sie persönlich braucht.

(1) Duden, B, Vogeler, K,: Was wirklich zählt, lässt sich nicht zählen. In: Deutsche Hebammenzeitung (DHZ) 2016.68(1) 20-26