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Geburtshilfe Geburtsmedizin (Unterschied)

Hebammen und GynäkologInnen stehen für unterschiedliche Geburtskonzepte

An verschiedenen Stellen auf dieser Homepage klingt ein Grundkonflikt zwischen den Berufen der Hebamme und des Arztes an. Da traditionell die beiden Berufsbilder männlich bzw. weiblich besetzt sind, geht es auch um weiblich-männliche Verschiedenheiten in der Geburtskultur, selbst wenn es seit ein paar Jahrzehnten Ärztinnen gibt. Bei keiner für die Gesellschaft wichtigen Thematik prallen die Gegensätze zweier Berufsgruppen und der zwei Geschlechter so krass aufeinander wie bei unserer gegenwärtigen Geburtskultur.
Marsden Wagner, amerikanischer Pädiater, der 15 Jahre lang die Abteilung „Mutter-Kind-Gesundheit“ des Regionalbüros für Europa der Weltgesundheitsorganisation WHO in Kopenhagen leitete, beschreibt, wie sich der Gegensatz auf die Geburtshilfe insgesamt auswirkt:

„Wehentätigkeit und Geburt sind Funktionen des autonomen Nervensystems und unterliegen deshalb nicht der bewussten Kontrolle. Infolgedessen gibt es prinzipiell zwei Ansätze für die Betreuung währen der Geburt:
mit der Frau (zusammen) zu arbeiten um ihre eigenen autonomen Reaktionen zu erleichtern – die humanisierte Geburt;
oder die medikalisierte Geburt, bei der die biologischen Vorgänge nicht berücksichtigt sondern überlagert werden durch Eingriffe von außen mit Hilfe von zusätzlichen Interventionen wie Medikamenten und operativen Eingriffen.“(1)

Einige aktuelle Beobachtungen und Fakten:
Der Berufsstand der Hebammen hat im Gesundheitssystem wenig Einfluss. Im Krankenhaus ist die Hebamme zunächst die Verantwortliche bei einer Geburt. In dem Moment, wenn eine Geburt nicht mehr "regelrecht" verläuft, übergibt sie die Verantwortung an den diensthabenden Arzt/Ärztin. Sie selbst ist dann nur noch vernatwortlich für die Durchführung dessen, was die Ärztln angeordnet hat. Viele Hebammen in den Krankenhäusern geben resigniert auf, weil sie einen unauflöslichen Konflikt zwischen männlicher Geburtsmedizin und weiblicher Geburtsbegleitung nicht aushalten. Zeitmangel, Abrechnungspraxis und die große Anzahl von Klinikgeburten sind Bedingungen, die erschweren, dass Frauen in Ruhe ihre Kind zur Welt bringen können, so wie es für beide gut wäre. Nachrückende jüngere Hebammen sind leichter in die Strukturen des Krankenhauses einzubinden. Die Vorteile einer geregelten Arbeitszeit und ein festes Gehalt zählen im jüngeren Lebensalter.
Die Hebammenverbände konnten die Technisierung und Medikalisierung in den Krankenhäusern seit den 1980er Jahren nicht aufhalten. Protest formierte sich aber außerhalb der Kliniken. So entstand 1985 das erste Geburtshaus Deutschlands in Gießen. Mindestens 140 Geburtshäuser wurden seit dem gegründet, z. T. stark angefeindet von Ärzteverbänden und Kliniken.

Eine Veränderung bahnte sich seit der Jahrhundertwende an. Es zeigen sich Entwicklungen auf Hebammenseite, eine Erstarkung ist unverkennbar:
- Erstmals seit 2008 werden die bestehenden etwa 140 Geburtshäuser durch Betriebskostenpauschalen finanziell besser abgesichert. Bis dahin mussten die Eltern zuzahlen.
- Hebammen und Sozialwissenschaftlerinnen entwickelten ein Instrumentarium zur Dokumentation außerklinischer Geburten, um deren Qualität belegen zu können.
- Eine umfassende Pilotstudie Studie über 42 154 außerklinische Geburten aus 5 Jahren liegt seit 2011 vor (www.quag.de).
- Von Hebammen geleitete Kreißsäle und ambulante Entbindungen in Krankenhäusern werden als Kompromiss von Eltern vermehrt in Anspruch genommen.
- 2008 wurde der erste Deutsche Fachverband des Hebammenhandwerks (zunächst: "für Hausgeburtshilfe") gegründet (DFH). Dieser Verband ist auf die Weitergabe des Könnens der traditionellen Hebammenkunst ausgerichtet.

Viel Bewegung in der Geburtskultur
Seit September 2008 wurde die Berufshaftpflicht für Hausgeburtshebammen auf 2400,- € erhöht, egal, wie viele Geburten sie begleitet. (2003 € 130,-) 2021 liegt sie bei ca10 000,- €. Durch Massenproteste (Petitionen) wurde ein Erstattungssystem etabliert, statt Geburten als "Ereignis" zu versichern. Einen Großteil ihrer Vorleistungen kann eine Hebamme nun mit hohem bürokratischen Aufwand zurückerstattet bekommen. Keinem einzigen Handwerksberuf werden jedoch vergleichbare Knüppel vorgeworfen. Diese Hürden sind ein Zeichen von berufspolitischem Kampf gegen einen Frauenberuf. Die Hausgeburtshebammen sind von dieser Maßnahme existentiell betroffen und viele habe nur aus diesem Grund ihren Beruf aufgegeben..., das, was mit diesen Maßnahmen bezweckt werden sollte.

Bemerkenswert ist trotz dieser Hürden, dass die außerklinische Geburt eine Renaissance erlebt. Das hat auch damit zu tun, dass Elterninitiativen Aufklärung zur Stärkung der eigenen Position betreiben. Zudem: Der Hebammenberuf ist seit Januar 2020 akademisiert und kann damit unabhängig von den früheren ärztlich geleiteten "Klinik-Hebammenschulen" ausbilden. 

Technik- und Medikamenteneinsatz durchdringen seit ca. 40 Jahren die Geburten in Kliniken. Seit dieser Zeit etwa werden Geburten systematisch und routinemäßig manipuliert. Die Kaiserschnittrate schnellte zwischen 1995 und 2015 auf 30 % in die Höhe. Junge Hebammen wurden im Bedienen technischer Geräte geschult. Hebammenschulen waren den Krankenhäusern angegliedert, eine Ausnahme in Europa.

Seit es Konkurrenz durch Geburtshäuser gibt, gestalten Kliniken die Räumlichkeiten etwas farbiger, es werden Geburtshocker und –badewannen angeschafft. Aber die Kaiserschnittrate steigt trotzdem und die unphysiologische liegende Geburt war 2011 noch zu 86 % üblich.

Der Mutterpass erweiterte sich ohne Mitwirkung der Hebammen zu einem Kontrollinstrument. Keine Frau kann unterscheiden, was eigentlich Vorsorge ist, und was darüberhinaus Angebote des Gesundheitsmarktes inclusive der Pränataldiagnostik sind. 1970 waren zur Dokumentation einer Vorsorge zwei Din A 6 Seiten erforderlich (zwei Seiten eines Oktavheftes). Jetzt - so denken die meisten Frauen irrtümlich (weil ihnen wichtige Informationen vorenthalten werden) - sei eine Batterie von Untersuchungen, Tests und Eintragungen „abzuarbeiten“, welche die Schwangere in eine feste Terminstruktur der Arztpraxen einbindet. Schwangere werden so zu 75-80% unmerklich zu Risikopatientinnen (2), was ihr eigenes Befinden stark beeinflusst. Ein ruhiges Wachsen des Kindes und eine gelassene Erwartung der bevorstehenden Geburt ist unter solchen Bedingungen immer weniger möglich. Mehr zum Mutterpass.
Mehr zu Ihren Rechten und Möglichkeiten für eine Schwangerschaft in Gelassenheit: MutterBabys Weg durch Schwangerschaft,Geburt, Wochenbett und Stillzeit..., von Elterninitiativen für Sie zusammengestellt.

Strukturelle, berufspolitische, aber eben auch männliche und weibliche Sichtweisen und Erfahrungshintergründe von Geburtsbegleitungen prallen aufeinander. Männer, die auf vielen Ebenen des Gesundheitssystems Machtpositionen innehaben, verfügen nicht über das Erfahrungswissen, das Frauen in Bezug auf die Geburt von Kindern brauchen. Frauen, die grundsätzlich vom Erfahrungswissen herkommen und zusätzlich medizinische Kenntnisse erwerben, sind faktisch im Vorteil, was sich aber für die Bevölkerung insgesamt durch die eingebauten Hürden wenig auswirkt.

GreenBirth: Wir wissen keine schnelle Lösung. Aber wir meinen, dass Eltern um die Hintergründe wissen sollten, die sich ganz individuell für sie und die Geburt ihres Kindes auswirken. Eltern, die sich der physiologischen Vorgänge von Schwangerschaft und Geburt bewusst sind und maßvoll und selbstbestimmt an einer achtsamen Vorsorge teilnehmen, sind einfach besser dran.
Wir empfehlen Ihnen sehr, sich mit der neuen "S3-Leitlinie Vaginale Geburt am Termin" zu befassen. Seit Dezember 2020 haben Frauen deutlich mehr Mitspracherechte in der Klinik bekommen. Der jahrelange intensive Protest von Elterninitiativen und die beharrliche Arbeit von Hebammen haben sich ausgewirkt. Wir haben wichtige Themen für Sie herausgesucht: Leitlinie "Vaginale Geburt am Termin"

(1) Beate Schücking (Hg.): Selbstbestimmung der Frau in Gynäkologie und Geburtshilfe. Verlag Vandenhoeck und Ruprecht Göttingen, 2003, S. 48 f.
(2) Friederike zu Sayn-Wittgenstein(Hrsg): Geburtshilfe neu denken. Verlag Huber Bern 2007, S. 60 ff.

06/2021