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Hebammen wo wir nach 50 Jahren stehen

Versuch eines Überblicks von außen

Der Hebammenberuf ist erstarkt. Das ist unübersehbar. Nach Jahrzehnten an die Seite gedrängt, sind Hebammen gesellschaftlich wieder sichtbar. Fast – so schien es – wären sie in der Bedeutungslosigkeit versunken, wäre die außerklinische Geburtshilfe in Hebammenhand ausgemerzt worden. Doch es kam anders.

Die gegenwärtig stärkere Wahrnehmung des Hebammenberufs hat eine Vorgeschichte. Einige historische Aspekte seien  genannt, um die aktuelle Situation besser zu verstehen.

Grundsätzlich ist die Hebamme bis heute die Expertin, die Lotsin durch Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stillbegleitung bei einer gesunden Mutter und einem gesunden KInd. Das sind laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 85 % aller Frauen.

Seit der Neuzeit, dem Aufschwung der Medizin und der Erforschung des menschlichen Körpers eignet sich die männlich beherrschte Medizin Wissen über den Frauenkörper an. Insbesondere Schwangerschaft und Geburt  sind ihnen jedoch fern, vertrauen sich Frauen doch traditionell seit Jahrhunderten den Hebammen mit ihrem Erfahrungswissen an, sind doch in der Schwangerschaft und Geburt intimste Regionen des eigenen Körpers involviert.

Dokumentiert ist die Praxis, dass mittellose geschwängerte Frauen sich von Ärzten und Studenten körperlich untersuchen lassen mussten, Gegenleistung dafür, dass sie ihr Kind in einem städtischen Gebärhaus zur Welt bringen durften.Vergessen wir nicht, was es Jahrhunderte bedeutete, ein "uneheliches" Kind auszutragen und aufzuziehen. Vergessen sei nicht, dass Pestalozzi in der Schweiz für Aufsehen sorgte, nachdem er nachwies, dass  viele Kindsmörderinnen erst dazu wurden, weil diesen Frauen gesetzlich untersagt worden war, zu heiraten oder ihre Sexualität zu leben. Die unter solchen Bedingungen zustande gekomenen Schwangerschaften brachten die abhängig beschäftigten Frauen in eine ausweglose, verzweifelte Situation. Pestalozzi wurde dadurch bekannt, dass er für solche Kinder Häuser baute, um ihr Leben und das ihrer Mütter (die als Mörderinnen zum Tode verurteilt werden konnten) zu retten. An den gen. Ursachen jedoch änderte sich lange nichts.

Hebamme zu sein, war ein Vertrauens-Amt innerhalb eines Gemeinwesens. Geburten begleiten, das war die Domäne von Hebammen. Erfahrungswissen spielte eine große Rolle. Natürlich ging es auch um Verhütungswissen und intime Informationen, die den Frauen öffentlich nirgendwo zugänglich waren. Es ist belegt, dass die Frauen eines Dorfes nach Ausscheiden einer Hebamme nach einer neuen erfahrenen Frau suchten und diese auch wählten. Es musste eine Frau ihres Vertrauens sein.

Das Hebammenwesen insgesamt war seit der Zeit der Verfolgung und Diskriminierung als Hexen dauerhaft geschwächt. Berufliche Zusammenarbeit, Fortbildungen, wie wir es heute kennen, das alles war unbekannt. Medizinisches Wissen erwerben, davon waren Hebammen ausgeschlossen. Dennoch hielt sich dieses Amt. Bis in die Gegenwart haben einzelne Hebammen noch die "Niederlassungsgenehmigung", die ihnen die freiberufliche Tätigkeit erlaubt. Die Kontrolle von Medizinern über Hebammen war in früheren Jahrhunderten zunächst begrenzt, nahm aber bis in die Gegenwart stetig zu.

So konnte z. B. der Gebärstuhl verboten werden. Frauen sollten liegend gebären, um die Möglichkeit des Eingreifens und die Beobachtungsmöglichkeit zu verbessern. Bis in die Gegenwart hatten Ärzte die Kontrolle über die Ausbildung von Hebammen, an Kliniken angegliedert. Jedoch gelang es der Medizin nie, die selbstständige Tätigkeit von Hebammen bei der Geburtshilfe abzuschaffen. Das hängt auch mit den gebärenden Frauen zusammen, die sich weltweit mehrheitlich lieber von Frauen begleitet sehen wollen, die selbst schon ein Kind zur Welt gebracht haben und somit über Erfahrungswissen verfügen.   

Mit der Klinikgeburt hierzulande veränderte sich die Arbeit der Mehrheit der Hebammen grundlegend.
Gleichzeitig hielt durchgehend eine Minderheit von Hebammen an Hausgeburten fest. Mit der Akademisierung des Hebammenberufes seit 2020, werden Hebammen sowohl für die außerklinische als auch klinische Geburtshilkfe qualifiziert. Das Berufsbild wandelt sich erneut.

Gegenwart
Bis 1960 wurden noch über 60 % der Kinder zuhause unter der Begleitung von erfahrenen Hebammen geboren.
Der Mutterpass, etwa 1965 eingeführt, veränderte das Bewusstsein über die Geburt. Er sollte allen Frauen ermöglichen, an einer sinnvollen Vorsorge teilzunehmen. Bis dahin war die Klinikgeburt nur besser gestellten Frauen vorbehalten und ein Statussymbol. Um die Frauen an die Arztvorsorge zu gewöhnen, half man mit einer finanziellen Belohnung nach. 17 Jahre lang bekamen Frauen 100,- DM von ihrer Krankenkasse vergütet, wenn sie 10 Arztbesuche in der Schwangerschaft nachweisen konnten. Das hatte spürbare Folgen.
Die Gewöhnung führte zu einem Umdenken: Vorsorge in der Arztpraxis wirde "normal". Klinikgeburt wurde "normal". Ein Ansturm auf die Kliniken führte zur "Programmierten Geburt". Medikamente wurden eingesetzt, um Kreißsäle und Betten optimal auszulasten.

Was sich veränderte:
- Arztvorsorge wurde üblich, Frauen gingen zur Entbindung in die Klinik.
- Ein rasanter Aufschwung bei der Medizintechnik und Medikamentenforschung machte nicht Halt vor Schwangerschaft und Geburt.
- Hebammen wurden von Ärzten zur Assistenz im arztgeleiteten Kreißsaal ausgebildet. Die Hierarchie in der Klinik installierte ein Konfliktfeld zwischen Hebammen- und Arztkompetenzen in Bezug auf die Geburt.
- Hebammenverbände konzentrierten sich auf die geregelten Arbeitsbedingungen in der Klinik, Freizeit- und Urlaubsregelungen und den Schichtbetrieb. Das war ein großer Vorteil gegenüber dem zeitlichen Einsatz, den außerklinisch arbeitende Hebammen leisteten.
- Die Frauen genossen 10 Tage Rundumversorgung in der Klinik. Die meisten Frauen störten sich nicht daran, dass ihnen die Kinder im Vierstundenrhythmus zu Stillversuchen gebracht wurden. Künstliche Babynahrung wurde üblich.  Stillen nach Bedarf passte nicht zum Vierstundentakt. Anleitungen durch Hebammen gab es eher selten.
- Nach 10 Tagen Klinikaufenthalt war die familiäre Wochenbettversorgung nicht mehr so stark erforderlich. Großeltern konnten weiter arbeiten gehen, wussten sie doch Mutter und Kind hatten das Gröbste überstanden. Das "Wochenbett" als Schonzeit für Mutter und Kind und als Zeit des Zusammenwachsens der jungen Familie wurde in diesen Jahren komplett vergessen.
- Ein kollektives Vergessen einer gewachsenen Geburtskultur, bei der die Großfamilie an dem Ereignis teilnahm, war die Folge.
- Der nächste Schlag für die Hebammen kam, als sie ab den 1990er Jahren aus Kliniken outgessourct wurden, um die Arbeitgeberkosten einzusparen – eine Folge der Liberalisierung und Privatisierung im Gesundheitssystem.

Umdenken - Gegenbewegungen
Mehrere Ereignisse leiteten ein Umdenken ein:
- 1987 entstehen in Gießen (Hebamme Dorothea Heidorn) und Berlin die ersten Geburtshäuser.
In Hebammenverantwortung wird schwangeren Frauen ein anderer Geburtsort als die Klinik angeboten. Die selbstbestimmte, nicht  die programmierte Geburt wird Maßstab. Sogar die stationäre Versorgung in diesen Häusern wurde  von Krankenkassen zunächst bezahlt. Die Geburtshäuser werden von ärztlicher Seite skeptisch beäugt. Es ist bekannt, dass in der Anfangszeit insbesondere bei Verlegungen in die Klinik Eltern und Hebammen angegriffen und als unverantwortlich hingestellt wurden.

Einer Gruppe von Frauen wird die frauzentrierte Geburtsvorbereitung als Wert bewusst. Die "Gesellschaft für Geburtsvorbereitung" (GfG) gründet sich und bildet Fachfrauen aus, die schwangere Frauen und Paare auf eine selbstbestimmte Geburt vorbereiten sollen. Hier und da gründen sich Frauengesundheitszentren. Aus "Mütterschulen" werden Familien-Bildungsstätten, die in ungezählten Angeboten für Frauen und Paare über Schwangerschaft, Geburt und Baby-Wickel-Kurse, Stillen und Ernährung Angebote machen. Hebammen werden zu dieser Zeit in der Öffentlichkeit langsam sichtbar.

Hebammen und Ärzte lernen von "Naturvölkern".
Wie geht Geburt, wenn in westlich geprägten Kulturen vieles Vergessen wurde? Ethnologische Studien zeigen, wie die Frauen mehr naturnaher Völker gebären und welche Geburtshaltungen sie bevorzugen. Bekannt geworden ist ein Satz, der dem Ethnologen Wulff Schiefenhövel in den Mund gelegt wird: "Die liegende Geburt ist die zweitdümmste nach dem Kopfstand". Neue Erkenntnisse werden insbesondere in Geburtshäusern verbreitet. Die selbstbestimmte Geburt, Wassergeburten, Gebären in unterschiedlichen Positionen wird bekannt.

Ein Verein dokumentiert außerklinische Geburten in Hebammenverantwortung. Jährlich werden diese Zahlen veröffentlicht. Sie belegen Jahr für Jahr die Qualität außerklinischer Geburtshilfe.  
Eltern fordern in Kliniken, dass sie von ihrem Kind nach der Geburt nicht getrennt werden. Das "Rooming in" wird von Eltern gefordert und durchgesetzt.

Reformbewegung
Nach der Wiedervereinigung 1989 beginnt eine neue Ära der öffentlichen Wahrnehmung. Insbesondere sind es stetig steigende Kaiserschnittzahlen, die in die Zeitungen gelangen. Anfangs werden Durchschnittszahlen genannt, ohne zwischen Ost und West zu unterscheiden: 22, 25, 28, 30. 32  % Kaiserschnittoperationen beunruhigen. Während nach und nach immer mehr Geburtshäuser entstehen, kommt die Klinikgeburt ins Gerede. Eltern trauen sich, von ihren Erfahrungen zu berichten. Sie erkennen, dass sie nicht allein betroffen sind und dass die Strukturen der Klinikgeburten einen großen Anteil an unglücklichen Geburtsverläufen haben.  

Als Ursache heißt es von ärztlicher Seite, die Frauen von heute seien alt, krank und hielten keine Schmerzen mehr aus. (Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages.) Die Tatsache, dass die Kaiserschnittzahlen in den neuen Bundesländern durchgehend um 10 % niedriger liegen, kann diese Annahmen jedoch nicht stützen. Auch kann belegt werden, dass in Geburtshäusern Frauen altersmäßig leicht über dem durchschnittlichen Gebäralter liegen.

Ein Vergleich von ca. 60.000 Klinikgeburten (KL) mit ca. 30.000 Geburten in von Hebammen geleiteten Einrichtungen (HgE) 2011 (GKV-Studie) belegt gravierende Unterschiede im Blick auf die Geburtsergebnisse bei gesunden Frauen und ihren gesunden Kindern:

Damm unverletzt:                        HgE: 41,2  % – KL: 29,8%
Wehenbeschleuniger/-hemmer: HgE: 6,6 % – KL: 19,0%
Liegende Geburt:                        HgE: 23,7,%  – Kl: 86,1 %
Gemeinsame Entlassung von Mutter und Kind: (hier gibt es drei Vergleichszahlen – es geht um gesunde Mütter und Kinder!)
                                                   HgE: 95,1 %
                                                   KL. ohne Kinderstation: 95,4 %
                                                   Kl. mit Kinderstation: 90,6 %

Immer stärker beginnt eine Diskussion über die Bedeutung der verschiedenen Geburtsorte. Von ärztlicher Seite wird zwar immer wieder vor außerklinischen Geburten gewarnt und werden Angstszenarien entwickelt. Dem widersprechen aber andere Ärzte und Hebammen, aber auch insbesonder Frauen, die den Vegleich erlebt haben.

Eltern werden wach
Bedingt durch die Vervielfachung von Haftpflichtprämien (aufgrund der Liberalisierung des Gesundheitssektors und einer die Hebammen überfordernden "Selbstverwaltung"*) für geburtshilflich tätige Hebammen entsteht ein breiter Protest pro Hebammen. Hebammen-Rettungsaktionen werden bundesweit organisiert. Steigende Haftpflichtprämien werden als existenzbedrohend erlebt. Petitionen im Deutschen Bundestag erreichen nie gekannte Unterstützerzahlen.

2008 gründete sich der Deutsche Fachverband des Hebammenhandwerks e.V. (DFH) (früher Hausgeburtshilfe).
Was die Hebammen betrifft, geht auch Eltern und ihre Kinder an.
2009 gründet sich GreenBirth e.V.
2009 gründet sich die Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaften (DGHWi)
2009-2015 viele Elternintiativen gründen sich bundesweit.
Einzelne Aktivistinnen treten hervor ("Kein Weg zu weit": Zwei Mütter fahren mit dem Fahrrad durch die Republik nach Berlin.)
2015 Gründung des Netzwerks der Elterninitiativen für Geburtskultur, sechs Grundforderungen werden formuliert.
2015 Gründung Mother Hood e.V. nach einem Sturm der Entrüstung im Internet mit 14.000 Unterstützungen.
Mother Hood ist bundesweit etabliert. Der Verein arbeitet inzwischen an etlichen Runden Tischen mit und äußert sich zu aktuellen Fragen der Geburtskultur.

GreenBirth informiert seit 2009 die Basis und verfasst Broschüren, Flyer und Pressemitteilungen, Offene Briefe und Publikationen, die über Hebammen und Geburtshäuser Verbreitung finden. Die Ziele: 1. Mütter und Väter stärken, 2. über die Risiken geburtsmedizinischer Routine informieren, 3. sich national und international vernetzen.

Die Geburtskultur ist in Bewegung
Medien-Berichterstattung, Dokumentarfilme und Hörfunksendungen in Funk und Fernsehen rütteln auf.
Das Thema "Gewalt im Kreißsaal" ist öffentlich geworden.
Seit 2014 gibt es jährlich den Roses Revolution Day. Frauen, die physische, psychische oder verbale Gewalt im Kreißsaal erlebt haben, legen am 25.11. vor die Tür des Kreißsaales, an dem sie Gewalt erfuhren, eine Rose nieder.

2020. Die berufliche Ausbildung von Hebammen wird europäischem Standard angepasst. Als duales Studium kann sie an Hochschulen und Fachhochschulen absolviert werden. Zurzeit gibt es ca. 20 Hochschullehrerinnen, die künftige Hebammen für die klinische und außerklinische Geburtshilfe qualifizieren. Das ist auch dringend nötig, denn
durch die gesundheitspolitischen Weichenstellungen der vergangenen 20 Jahre gibt es einen eklatanten Hebammenmangel.

Es ist zu hoffen, dass die Akademisierungin in einem dualen Studium diesen Notstand schnell lindert. Erforderlich ist, dass die außerklinische Geburtshilfe gestärkt wird. Die Würdigung der Geburtsarbeit von Frauen und die gesellschaftliche Anerkennung des eigenständigen Hebammenhandwerks sind vordringlich.

Wegrationalisierung von Geburtsabteilungen, das Festhalten an Fallpauschalen-Abrechnung der Krankenkassen, die hohen Kaiserschnittzahlen usw. bilden die Grundlage für ein hohes individuelles gesundheitliches Risiko und damit einen hohen volkswirtschaftlichen Schaden. Es müsste im Interesse aller liegen, an einem Umdenken und Umsteuern mitzuwirken. 

Irene Behrmann 2/2021

* Die Hebammenverbände sahen sich nach kurzem Übergang im Zuge der Einführung der "Selbstverwaltung im Gesundheitswesen" (2006 ff) in der Berufsverbands-Verantwortung. Was zuvor staatlicherseits geregelt wurde, mussten sie sb jetzt selbst regeln. Für Arbeitsrecht, Gebührenverhandlungen mit Krankenkassen und Verhandlungen über Haftpflichtprämien konnten sie im Gegenüber zu Konzernen auf wenig Erfahrung und wenig Expertise zurückgreifen. Diese ungleiche Position nutzte der Markt für sich aus und schwächte die Hebammenverbände, sodass insbesondere die freiberuflichen Hebammen, die Geburtshilfe anboten, in eine wirtschaftlich verzweifelte Lage gerieten. Viele Hausgeburtshebammen gaben ihren Beruf auf.