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Vorsorge Sorge vor der Sorge?

Nachgedacht

Wie kommt es, dass mich Unbehagen beschleicht, sobald mir das Wort „Vorsorge“ begegnet?

„Vorsorge“ ist das gebräuchliche Wort für viele Angebote, die Müttern und Vätern von ÄrztInnen und Hebammen gemacht werden. Sie gelten als zur Schwangerschaft gehörig, z.B. weil die Krankenkassen sie bezahlen. In der ärztlichen Praxis sind sie von pränataldiagnostischen Untersuchungen schwer zu unterscheiden.

Mit Vorsorge ist der Gedanke verbunden, die Gesundheit der schwangeren Frau zu überwachen und so für die Gesundheit des Kindes zu sorgen.

Kritisch betrachtet lenkt das Wort „Vorsorge“ die Aufmerksamkeit auf Sorge - mit dem Ziel, genau die zu vermeiden. Kann ich mir denn Sorgen ersparen, indem ich mir Sorgen über eine vielleicht irgendwann eintretende Notlage mache, über die ich mir normalerweise gar keine Gedanken machen würde?

Durch Vorsorge wird Sorge unbemerkt Bestandteil der guten Hoffnung, die früher Frauen durch die Schwangerschaft trug. Sie wussten, dass es keine vorgeburtliche Garantie für ein 100 % gesundes Kind gibt. Die gibt es auch heute nicht. Es gibt aber einen lukrativen Markt, der Machbarkeit vorgaukelt, um elterlichen Sorgen und Befürchtungen zu begegnen. Wer sich dem Risikodenken geöffnet hat und den ersten Schritt gegangen ist, kann Denkspiralen, Sorgen und Beunruhigungen nur schwer wieder entkommen. Würde nicht jede/r verantwortungslos handeln, der nicht die ganze Palette der angebotenen Vorsorge-Maßnahmen annimmt oder nutzt?

Versetze ich mich in die Lage einer schwangeren Frau, die den Mutterpass ausgehändigt bekommen hat, dann sehe ich lange Risiko-Auflistungen. Muss alles, was hier in Medizinersprache aufgeführt ist, notwendigerweise überprüft werden? Jede Frau in der Schwangerschaft ist hoch sensibel und leicht zu beunruhigen. Was hat sie diesen Fachausdrücken, die ihr das Vorhandensein zahlloser Gefahren, Risiken, Kontrollen und beängstigender Befunde vor Augen führen, entgegenzusetzen? Wird sie imstande sein, bei ihrem Gefühl zu bleiben, dass es ihr gut geht und sie sich auf ihr Baby freut? Wird sie die Stärke haben, bei ihrer inneren Stimme, ihrem Bauchgefühl zu bleiben angesichts von so viel geballter Pathologie (Lehre von den Leiden)?

Dazu sind erfahrungsgemäß die allerwenigsten Frauen imstande. Die meisten ziehen sich innerlich zurück und übergeben die Verantwortung den ärztlichen Fachleuten, deren Aussagen sie nun wenig oder gar nichts mehr entgegenzusetzen haben. Sie verlassen sich auf das, was ihnen gesagt wird, und ihr Wohlbefinden – wie auch das ihres Kindes – hängt davon ab, was ÄrztInnen sagen und was technisch messbar ist oder sichtbar gemacht werden kann. Wer erklärt ihnen die Diskrepanz, wieso es angesichts von naturgemäß ca. 85 % gesunden schwangeren Frauen ca. 80 % Risikoschwangerschaften gibt?

GeburtsmedizinerInnen wissen über Gefahren und Pathologie in der Regel mehr als über naturgemäße Schwangerschaften und Geburten. Sie sind vor allem dafür ausgebildet, mit gesundheitlichen Problemen und medizinischen Notfällen fachgerecht umzugehen. Dass Hebammen gelernt haben, naturgemäße Geburten selbständig und eigenverantwortlich zu betreuen, ist im öffentlichen Bewusstsein kaum vorhanden.

Frauen, die nicht aus dem Wissen, dass sie gebären können, Kraft und Sicherheit schöpfen, lassen sich von einem medizinischen System betreuen, dass gesunde Schwangerschaften und Geburten ständig überwacht und kontrolliert. Da kommen Gedanken an die natürliche Gebärfähigkeit gar nicht erst auf. Alle Aufmerksamkeit ist auf das gerichtet, was nicht der Norm entsprechen oder krank sein könnte.

Die Auswirkungen zeigen sich spätestens bei der Geburt, wenn sich 98 % der Mütter in die Klinik begeben um entbunden zu werden. Ihr Bestreben ist, die verlorene innere Sicherheit durch die technische Ausstattung großer Geburtskliniken und die Notfallmedizin ausgleichen zu können. Das funktioniert aber nicht, im Gegenteil. Technische Geräte und Medikamente, vorsorglich kontrollierte Werte und der für den Notfall gelegte Venenzugang signalisieren Gefahr – mit einer entsprechenden Adrenalinausschüttung und der Folge, dass die hormonelle Steuerung eines naturgemäßen Geburtsverlaufs gestört oder außer Kraft gesetzt wird.

Vorsorge. Ein Wort, das mir Unbehagen bereitet.

Anna Groß-Alpers

P.S. Wochen nach dem Schreiben dieses Beitrags komme ich zu einer neuen Sicht des Begriffs "Vorsorge": Ursprünglich ist damit Vorbeugung gemeint. Dabei geht es darum, etwas zu tun, was der Erhaltung der eigenen Gesundheit dient – wie zum Beispiel Zähneputzen. Alle weitergehenden Maßnahmen liegen in der Hand von Ärzten und müssten korrekterweise als "Früherkennung" bezeichnet werden.