Geburtsmedizin und Geburtshilfe unterscheiden

Zwei Wege der Unterstützung – die Richtung wählen

Unsere Informationen sollen Ihnen helfen, zwischen Geburtshilfe und Geburtsmedizin zu unterscheiden.
Geburtshilfe ist auf eine naturgemäße (physiologische) Schwangerschaft und Geburt ausgerichtet.
Geburtsmedizin ist gekennzeichnet von Routineabläufen, technischer Überwachung, medikamentöser Einflussnahme. Pränataldiagnostik während der Schwangerschaft ist Teil der Geburtsmedizin.

Sie haben das Recht, zwischen diesen zwei Arten der Schwangerschafts- und Geburtsbegleitung zu wählen. Grundsätzlich steht Ihnen der Weg zum Arzt genauso offen wie der Weg zu einer Hebamme. Die Krankenkassen übernehmen für beide die Kosten. Sie können beide Angebote parallel in Anspruch nehmen. Beide Berufsgruppen sind gleichermaßen berechtigt, bei gesunden schwangeren Frauen die Vorsorge durchzuführen. Geburtshilfe und Geburtsmedizin sind völlig unterschiedlich. Das zeigt sich bei der Geburt.

Zur Verdeutlichung zitieren wir einen Experten der WHO:
„Wehentätigkeit und Geburt sind Funktionen des autonomen (unwillkürlichen) Nervensystems und unterliegen deshalb nicht der bewussten Kontrolle. Infolgedessen gibt es prinzipiell zwei Ansätze für die Betreuung während der Geburt:

1. mit der Frau (zusammen) zu arbeiten, um ihre eigenen autonomen (unwillkürlichen) Reaktionen zu erleichtern – die humanisierte Geburt; oder
2. die medikalisierte Geburt, bei der die biologischen Vorgänge nicht berücksichtigt, sondern überlagert werden durch Eingriffe von außen mit Hilfe von zusätzlichen Interventionen wie Medikamenten und operativen Eingriffen.”(1)

Zu 1.: Geburtsvorbereitungen und Geburten lagen jahrhundertelang in den Händen und in der Verantwortung von Hebammen. Ihren beruflichen Fähigkeiten und möglichen eigenen Erfahrungen als Frauen und Mütter trägt der Gesetzgeber dadurch Rechnung, dass er für Ärzte die Hinzuziehungspflicht einer Hebamme bei jeder Geburt vorschreibt. Das heißt: Die Hebamme ist berechtigt, Geburten eigenverantwortlich zu begleiten, Ärztin/Arzt jedoch dürfen Geburten nicht ohne Hebamme durchführen. Sollten bei der von einer Hebamme begleiteten Geburt, Komplikationen auftreten, ist sie verpflichtet, einen Arzt hinzuzuziehen.

Zu 2.: Wenn Sie planen, im Krankenhaus zu entbinden, ist die Wahrscheinlichkeit gering, eine naturgemäße Geburt zu erleben. Die geburtsmedizinische Routine in Krankenhäusern, so zeigen Zahlen in Niedersachsen, führt bei 93 % der Geburten zu medikamentösen oder operativen Eingriffen, auch wenn am Anfang keine Anzeichen für Komplikationen zu erkennen waren.

In der Frühschwangerschaft fällt es Ihnen möglicherweise schwer, schon über die Geburt nachzudenken. Machen Sie sich aber bitte klar, dass Sie bereits eine Richtung wählen, indem Sie zu einer Hebamme oder einem Arzt oder Ärztin gehen. Die Hebamme kann, genau wie ein Arzt, eine sinnvolle Vorsorge durchführen.

Pränataldiagnostik ist keine Vorsorge und wird nur durch ÄrztInnen durchgeführt. Wir raten gesunden Frauen, gleich zu Beginn Ihrer Schwangerschaft Kontakt zu einer Hebamme aufzunehmen. Sie wird Ihnen Ihre Fragen beantworten, so dass Sie selbstbestimmt Ihrer Geburt entgegengehen und den Geburtsort wählen können.

(1) Marsden Wagner, amerikanischer Kinderarzt, leitete 15 Jahre lang die Abteilung „Mutter-Kind-Gesundheit“ des Regionalbüros für Europa der Weltgesundheitsorganisation WHO. In: Beate Schücking (Hg.): Selbstbestimmung der Frau in Gynäkologie und Geburtshilfe. Verlag Vandenhoeck und Ruprecht Göttingen, 2003, S. 48 f.