Konkurrenz zwischen Ärzten und Hebammen?

Zwei Berufe, zwei verschiedene Sichtweisen und Abrechnung

Hebammen gehen davon aus, dass Schwangerschaft eine Lebensphase von Frauen ist, in der sie erleben, dass in ihnen ein Baby wachsen kann. Hebammen sind Frauen, die meist selbst ein Kind geboren haben. Darum verfügen sie über Erfahrungswissen und über medizinisches Grundwissen.
Sie sind verpflichtet, sobald der Verdacht auf eine Abweichung vom "regelrechten" Schwangerschaftsverlauf oder Krankheit sich andeutet, eine Frau zur Abklärung an eine ÄrztIn zu überweisen. Hebammen rechnen mit der Krankenkasse der Frau direkt ab, unabhängig vom Quartal.

Ärzte blicken aus der Perspektive ihres Studiums auf Menschen, um Krankheiten zu diagnostizieren und zu heilen. Ihr Blickwinkel ist auf das möglicherweise Abweichende und Kranke bei einer schwangeren Frau und ihrem Kind gerichtet. Ärzte als Männer verfügen über keine persönlichen Geburtserfahrungen. Zu ihrer Ausbildung gehört nicht, einer Geburt ohne jeglichem Eingriff beizuwohnen. Das ist ein Nachteil gegenüber den Hebammen. Ärzte sind befugt, ein schwangere Frau auch dann zu begleiten, wenn sie gesund ist. (Das ist in den Niederlanden z. B. so geregelt, dass eine gesunde Frau selbstverständlich zu einer Hebamme geschickt wird.)
Der ärztliche Blick ist auf mögliche Krankheiten gerichtet. Über 100 Tests werden in der Schwangerschaft angeboten, die von der Krankenkasse nicht bezahlt werden. (Siehe unter Pränataldiagnostik (PND) und IGe-Leistungen). Das ist anders, wenn der Frau ein Risiko bescheinigt wurde. Diese Möglichkeit wird von vielen Kritikerinnen moniert, weil dadurch der wahre Gesundheitszustand der schwangeren Frau verfälscht wird, mit möglichen schwerwiegenden Folgen. Ärztinnen wollen möglichst, dass eine Frau die gesamte Vorsorge bei ihnen macht. Das hat den Vorteil, dass sie die Quartalspauschale mit der Krankenkasse und zusätzliche Einnahmen durch PND und IGe-Leistungen haben.

Der Deutsche Hebammenverband (DHV) schreibt in einer Pressenotiz:
"Lässt eine werdende Mutter die Vorsorgeuntersuchungen bei einer Hebamme ausführen, geht aber für die Ultraschalluntersuchung zum Gynäkologen, so kann dieser nicht die Quartalspauschale für die gesamte Vorsorge in Anspruch nehmen, sondern kann nur die Einzelposition Ultraschall abrechnen. Diese Entwicklung ist manchen Frauenärzten ein Dorn im Auge."

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (GKV) stellt fest, dass Gynäkologen pro Quartal (drei Monate) für die Untersuchungen der Schwangerschaftsvorsorge inklusive Ultraschall eine Pauschale abrechnen können, die je nach Region ungefähr bei 74 € liegt. Führen sie nur den Ultraschall durch, können sie dafür der Krankenkasse ca. 16 € in Rechnung stellen.

Zum Vergleich: Eine Hebamme kann laut Hebammenhilfe-Gebührenordnung für eine Vorsorgeuntersuchung alle vier Wochen 21,80 € abrechnen. Zusätzlich erhält sie 5,45 € für eine eventuelle telefonische Beratung der schwangeren Frau sowie eine zusätzliche Pauschale für die Entnahme von Körpermaterial (z.B. Blutabnahme) in Höhe von 5,45 €.

Textbearbeitung 2020, Zahlen: Stand 2017