Brasilien Statussymbol Kaiserschnitt

Geburten in Brasilien: Die „Kaiserschnitt-Seuche“ soll eingedämmt werden


In Brasilien ist der Kaiserschnitt zum Statussymbol geworden. Das lohnt sich für die Krankenhäuser, ist aber nicht immer das Beste für Mutter und Kind. Die brasilianische Regierung greift nun ein und unternimmt einen neuen Versuch, die Zahl der Kaiserschnitt-Entbindungen in dem größten und bevölkerungsreichsten Land Lateinamerikas zu verringern.

Seit Beginn dieser Woche ist eine Regelung in Kraft, wonach Ärzte und Krankenhäuser die Schwangeren vor der Entbindung auf die Risiken einer Kaiserschnittgeburt hinweisen müssen. Zudem müssen die Entbindungsstationen spätestens zwei Wochen nach dem Eingriff den Krankenkassen und den Gesundheitsbehörden eine Dokumentation vorlegen, aus der hervorgeht, dass der chirurgische Eingriff notwendig war. Bei Verstößen drohen Krankenhäusern und Ärzten Geldstrafen von umgerechnet bis zu 7300 Euro. Mit der gleichen Strafe können Krankenkassen belegt werden, wenn sie trotz fehlender Dokumentation die Kosten für den Eingriff übernehmen.
Matthias Rüb, Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.
FAZ-Artikel

Folgen: In Brasilien kommen 56 Prozent der Neugeborenen per Kaiserschnitt zur Welt, so viele wie in keinem anderen Land. In Privatkliniken kommen 85 Prozent der Kinder mit Kaiserschnitt zur Welt. In den Krankenhäusern des öffentlichen Gesundheitswesens liegt der Anteil bei 40 Prozent.
Die Kinderärztin Luciana Herrero, Autorin eines jüngst veröffentlichten „Ratgebers zur Geburt“, bezeichnete die Kaiserschnittquote als „Schande“ für ihr Land. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass allenfalls zehn bis 15 Prozent der Kinder per Kaiserschnitt entbunden werden, und zwar nur dann, wenn wegen Gefahr für die Gesundheit der Mutter oder der Leibesfrucht eine natürliche Geburt nicht in Frage kommt. In Deutschland liegt die Quote der Schnittentbindungen bei 32 Prozent, in den Vereinigten Staaten ebenso.

Mehr zum Thema in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 17.12.2015:
Brasilianische Geburten: Die Mär vom schmerzfreien Kaiserschnitt
José Carlos de Souza Abrahão von der staatlichen Gesundheitsorganisation ANS beklagte jetzt abermals Brasiliens „Kaiserschnitt-Epidemie“, die endlich eingedämmt werden müsse. „Die Niederkunft ist einer der wichtigsten Augenblicke im Leben einer Frau und ihrer Familie“, sagte de Souza Abrahão. Bessere Informationen über die Risiken des chirurgischen Eingriffs könnten Frauen dabei helfen, zu entscheiden, was für ihre Gesundheit und die ihres Kindes am besten ist. Nach Angaben der ANS ist das Todesrisiko für die Mutter bei einem Kaiserschnitt dreimal höher als bei einer Spontangeburt. Die Kaiserschnittsäuglinge hätten viel öfter Atemwegserkrankungen. Viele Kaiserschnitte werden schon während der 37. und 38. Schwangerschaftswoche vorgenommen, vor den Wehen. Viele Kaiserschnittkinder kommen nach der Geburt in den Brutkasten statt in die Arme der Mutter, weil ihnen wertvolle Tage oder gar Wochen der weiteren Entwicklung im Mutterleib fehlen.
Für Krankenhäuser lohnen sich eng getaktete Kaiserschnittgeburten. Zumal in der aufstrebenden Mittelschicht Brasiliens ist der Mythos verbreitet, der Kaiserschnitt sei die sicherste Art der Entbindung. Er gilt zudem als „modern“ und „sauber“ und wird – vergleichbar mit kosmetischen Operationen zur Vergrößerung von Brust oder Gesäß – als Statussymbol betrachtet. Die ansteigende Zahl der Kaiserschnittgeburten in Brasilien geht auch auf die seit den siebziger Jahren geltende gesetzliche Regelung zurück, dass während der gesamten Dauer einer Geburt eine Hebamme sowie auch ein Arzt anwesend sein müssen. Weil die Ärzte für die meist längere natürliche Geburt das gleiche Honorar erhalten wie für die Kaiserschnittentbindung, lohnt es sich für sie und die Krankenhäuser finanziell, wenn sie viele Kaiserschnittgeburten, möglichst eng getakte, abrechnen können. Nach brasilianischen Medienberichten müssen Ärzte bei natürlichen Geburten im Durchschnitt zwölf Stunden bereitstehen. Ein Kaiserschnitt sei in drei Stunden zu erledigen. Während ihrer Ausbildung können brasilianische Medizinstudenten zudem kaum mehr bei natürlichen Geburten assistieren, so dass ihnen die Erfahrung fehlt.
Viele Krankenhäuser kritisieren die neue Regelung auch deshalb, weil bei natürlichen Geburten mehr Betten für Wöchnerinnen vorhanden sein müssten. In den meisten west- und nordeuropäischen Ländern sowie in den Vereinigten Staaten und Kanada deutet sich in den vergangenen Jahren zumindest langsam ein gesellschaftlicher Wandel an, bei dem Frauen wieder zur natürlichen Geburt zurückkehren. Zudem ist die Hebamme bei der Geburtsbegleitung wieder in den Vordergrund getreten. In Brasilien wird es nach Ansicht von Fachleuten noch lange dauern, bis sich ein vergleichbarer Mentalitätswechsel durchsetzt.