Vater werden Vater sein

Bericht eines Vaters (Jg. 1966) von zwei Söhnen, geboren 2008 und 2011
Dirk L. erzählt von den Geburten seiner Söhne und von seiner Entwicklung zu einem "richtigen" Vater. Selbstkritisch hinterfragt er seine Liebe, erzählt von seinen Selbstzweifeln und Ängsten. Bei allen Turbulenzen schließt er Frieden mit sich und ist erleichtert, dass sein Großer gesund ist.

Wie war es noch mit dem "Vater werden"? Ist ja schon ein bisschen her. Aus meiner Sicht war es auch eine gute Zeit voller Glück und Vorfreude. Ausgenommen die Angst um Frau und Kind durch vorzeitige Wehen. Damals wähnte ich ja beide sicher in einem Krankenhaus. Aber Schwangerschaft ist keine Krankheit. Und dann der Tag vor der Geburt: verraten und verkauft, die Geburt ist ein Geschäft, der Kaiserschnitt ein besseres. Und Widerstand wird nicht geduldet. Wir fliehen unter Androhung schlimmster Komplikationen und Fehlbildungen und können der Maschinerie Klinik erst einmal entkommen. Aber es nützt nichts, wir müssen hin, in die Höhle des Löwen. Den Fachleuten schwant bereits Schlimmstes, übertragen, das Sakrileg, wir suchen ein neues Krankenhaus und hoffen, dass hier Menschen arbeiten, die uns verstehen.

Und dann der Tag der Geburt. Wart Ihr schon mal bei einem Verkehrsunfall Ersthelfer? Ich nicht, aber so in etwa müsste sich das anfühlen, wenn die Hebamme den Wehentropf "ein wenig" zu hoch dosiert hat, damit das Kind auch rechtzeitig zum Schichtende da ist, und Frau sich die Seele aus dem Leib schreit, weil die Dauerwehe kein Ende nimmt und Mann hilflos daneben sitzt. Irgendwann gibt mir die Hebamme eine Schere in die Hand, die so aussieht, als wenn sie nicht schneidet. Ich setze sie an und: Schnitt! So, das war’s. Jetzt bin ich Vater!

Vielleicht ist dieses Nabelschnurdurchschneiden nur deshalb von Hebammen eingeführt worden, damit sich Mann im Kreißsaal endlich auch mal nützlich macht und nicht nur ständig im Weg rumsteht oder gar umfällt, damit er endlich wieder im Mittelpunkt ist. Wir brauchen nach der Geburt fünf volle Tage, um uns von diesem Schock zu erholen. Unser Kind ist gesund, und wir sind traurig, weil wir nicht verstehen, was da passiert ist.

Ich weiß heute, dass wir damals nach dem richtigen Ort für die "perfekte" Geburt gesucht haben und uns auf die Fachleute statt auf unseren Bauch verlassen haben. Nicht, dass ich etwas gegen Ärzte oder Krankenhäuser habe, aber seitdem dieses System betriebswirtschaftlich arbeiten muss, geht die Autonomie von Patienten und Gebärenden stark gegen Null, was menschenwürdige und notwendige Behandlungsmaßnahmen bzw. Methoden angeht. Zeigt man dann vielleicht auch noch Schwäche oder hat gar Wünsche, ist es ganz vorbei. Wir haben uns beim zweiten Kind für eine Hausgeburt entschieden, trotz aller Warnungen und Befürchtungen der Fachleute und uns mit Menschen umgeben, denen wir vertrauen. Als ich unseren Zweitgeborenen nach einer wunderbaren Geburt in den Händen halte, weiß ich, was beim Erstgeborenen alles schiefgelaufen ist.

So war das mit dem "Vater werden". Und eigentlich hat es in mir, glaube ich, schon sehr viel früher angefangen. Jetzt erzähle ich Euch aus meinem Leben. Heute habe ich rasch einen Hubschrauber repariert (oder war es ein Fahrrad?), die Zutaten für den Kuchen gekauft, den unbedingt alle backen wollten und den dann keiner mochte und wieder eine Arztrechnung überwiesen. Ach ja, Amazon lässt grüßen. Retoure mit Kinderklamotten zur Post gebracht. Mein Leben innerhalb des Spannungsbogens Familie, Beruf und nicht mehr gelebten Hobbys (Motorrad fahren, Baseball spielen) fühlt sich stressig an. Beim morgendlichen Blutdruckmessen stehen jedenfalls Zahlenwerte, die so nicht stimmen können, weil sie dann nämlich intensivmedizinisch betreut werden müssten.

Jüngst habe ich in einem von meinen Dienstherren verordneten Vortrag über eben diesen Spannungsbogen gehört. Burnout gibt es nach Ansicht der Betriebsärztin nicht. Es sei lediglich die eigene Unfähigkeit, seinen Alltag zu organisieren und sich die nötigen Erholungsinseln zu schaffen. Das Dilemma nimmt in einem gestörten Hormonhaushalt seinen Lauf. Cholesterin wird permanent in Adrenalin umgewandelt, was zu scheinbar unerklärlicher Daueranspannung und Überforderung führt. Was das mit mir als Vater zu tun hat, versuche ich nun zu schildern:

Ich bin als jüngster Sohn mit zwei großen Brüdern aufgewachsen, mein Vater war Außendienstmitarbeiter eines großen Chemiekonzerns, meine Mutter eine herzensgute aber auch sehr depressive Frau, die einen mit ihrem Märtyrerverhalten in den Wahnsinn treiben konnte. Sie haben, wie sie immer wieder gerne betonen, es durch Fleiß zu etwas Wohlstand gebracht und führen ein erfülltes Leben. Ich habe immer geglaubt, dass ich eine schöne Kindheit hatte, aber wahrscheinlich habe ich es nur mit entbehrungsreich verwechselt. Als ich auszog, nahm ich als Grundwert den lutherschen Grundsatz mit, dass Mann einen Baum gepflanzt, ein Haus gebaut und einen Sohn gezeugt haben muss. Ich war überzeugt, Kinder mit einer lieben Frau in die Welt zu setzen. Wie das Schicksal es wollte, lief mir eben diese dann über den Weg. Nur, sie wollte keine Kinder.

Nun bin ich als "guter" Christ (ich glaube an die Bestimmung) und zielorientierter Techniker (für jedes Problem gibt es auch eine Lösung) keiner, der gleich den Kopf in den Sand steckt. Wir haben geheiratet, ein Haus gekauft und renoviert und einen Apfelbaum umgepflanzt. Unser Nest war fertig und wartete nur auf Kinderlachen und familiäres Chaos. Auf Mallorca an einem schönen Herbstmorgen bei Sonnenaufgang nahm das Schicksal seinen Lauf. Eine kleine Seele, die von Osten kam, pflanzte sich direkt unter dem Herzen in den Bauch meiner Frau. Soweit die Romantik.

Glück wird als kurzer Zeitraum definiert und die daraus erwachsenden Kräfte sind endlich. Als Eltern sind wir von nun an für immer (!) für ein neues Leben verantwortlich. Gleichzeitig müssen wir loslassen. Das vermeintliche Glück entpuppt sich da als zweischneidiges Schwert, wo der Alltag dem Glück entgegensteht. Mann muss also für sich und sein Glück selber sorgen, indem Mann schöne Momente genießt, wann immer sie sich einstellen.

Meine beiden Jungs sind mittlerweile fünf und acht Jahre alt. Vor kurzem trug sich ein Unfall zu, der mich an meinem Vaterglück und damit an meiner Vaterliebe zweifeln ließ. Es war nicht meine Schuld, dass es zu diesem Unfall kam, vielmehr eine Verkettung unglücklicher Umstände, an deren Ende der ältere von beiden, so unglücklich von der Schaukel fiel, dass er sich zwei Bänder im Knie anriss.

Medizinisch gesehen ist alles getan worden, um die Schädigung des Knies erfolgreich zu beseitigen. Und mein Großer hat alle Vorgaben und Heilmittel klaglos über sich ergehen lassen. Das Knie ist wieder voll belastbar. Darüber ist es Sommer geworden, und wir machen Urlaub auf einem Reiterhof in the middle of nowhere. An einem wunderschönen Sommerabend mit Sonne, Pferden, Schwimmen, Enten, Gerüchen und Wärme passiert etwas völlig Unerwartetes: Durch Hilferufe alarmiert, renne ich in das Ferienhaus, wo meine Frau den schlaffen Körper unseres Großen in ihren Armen hält. Ich versuche Puls und Atmung zu erfühlen und in dem Moment, in dem unser Junge die Augen verdreht und Schaum vor dem Mund hat, versuche ich, den Notruf zu wählen. Ein Nachbar setzt den Notruf erfolgreich ab und verständigt den Leiter des Hofes. Er ist Arzt.

Ich bin enttäuscht von mir und meiner Verhaltensweise in dieser Notsituation, glaube gar, dass ich mein Kind nicht richtig liebe und bin verzweifelt. Aber es passiert noch mehr, bis ich die Lage richtig einzuschätzen verstehe. Mein Sohn wird natürlich auf Herz und Nieren gecheckt, EEG, MRT und zahllose Arztbesuche bei allen möglichen Kapazitäten. Bei einem kaputten Knie ist es als Vater schon schwer, sein Kind leiden zu sehen. Unerträglich wird es, wenn es keine eindeutige Diagnose gibt bzw. mehrere, die sich zum Teil zu widersprechen scheinen. Unser Großer hat jetzt täglich Kopfschmerzen, und unser Tag ist völlig auf den Kopf gestellt. Nichts scheint mehr so, wie es vorher war: unbekümmert.

Eines Abends, kurz vor dem Zubettgehen, kommt mein Großer mit seinem verschleißbedingt defekten Rennwagen zu mir. Ohne dass ich es erklären könnte, entscheide ich, umgehend mit ihm ein Ersatzauto zu kaufen. Als wir es ausprobieren, sehe ich, dass er wieder Kopfschmerzen hat. Ich massiere ihm den Druck, der durch die Situation entstanden ist, aus dem Kopf vorsichtig in den Rumpf. Er sagt, dass es ihm schon viel besser geht und er keine Angst mehr hat. Ich bin irritiert, habe ich richtig gehört? Ich rede noch am gleichen Abend mit meiner Frau und erzähle ihr von seiner Angst. "Ja" sagt sie, seine Angst um das Auto war spürbar. Und endlich verstehe ich die Problematik! "Nein" entgegne ich, er hat nicht Angst um sein Auto gehabt, sondern vor mir! Ich spüre den Druck in meinem Kopf ansteigen, während ich im Geiste vor meinem Vater stehe und beichte. Ich bin traurig. Niemals wollte ich so sein wie mein Vater, nie wollte ich, dass meine Kinder Angst vor mir haben. Und nun schließt sich der Kreis, alle angeprangerten Erziehungsmuster meiner Eltern habe ich verinnerlicht. Es ist wie eine Explosion in meinem Kopf. Alle Ereignisse der letzten Jahre schießen in mir hoch, und ich weiß: Mein Sohn ist mein Spiegel! Von Anfang an! Jedes Mal, wenn ich laut werde, wenn ich unbeherrscht bin, wenn ich überreagiere, wenn ich gereizt bin, wenn ich meine Bedürfnisse hintenan stelle, sehe ich ihn diese Gesten spiegeln. Ich sehe mein Kind und erkenne in mir meinen Vater!

In meine Verzweiflung mischen sich Enttäuschung und Angst, weil ich nun überzeugt bin, kein guter Vater zu sein. Aber in dieser Lage ist es gut, mit meiner Ehefrau offen über das zu reden, was mich bewegt. Und sie sagt, dass es nicht auf eine perfekte Erziehung ankommt, sondern, dass die Kinder nur dann Flügel und Wurzeln entwickeln können, wenn sich ihre Eltern so zeigen wie sie sind, mit Stärken aber eben auch mit Schwächen. Und nur wer seine Schwächen erkennen und ertragen kann, kann sie auch ändern. Ich setze mich mit den "Fehlern" meiner Eltern auseinander, die nun meine geworden sind und verstehe, warum ich mich meinen Kindern gegenüber so verhalte. Es ist schwer, die Emotionen von heute mit meinen damaligen kindlichen Erlebnissen richtig zusammen zu puzzeln. Aber es ist eben dieser Spannungsbogen, der für die wahren Momente im Leben sorgt und mir zeigt, dass ich ein "richtiger" Vater bin, der seine Familie über alles liebt, auch wenn ich diese Glücksgefühle nicht für alle sichtbar nach außen zeigen kann.

P.S. Mein Großer hat keine Kopfschmerzen mehr, nachdem ein Osteopath eine Blockade in seiner Wirbelsäule gelöst hat, die beim Sturz von der Schaukel entstanden war.