Gedanken über das Mutterwerden

Mutterwerden - Rückschau

Der Bericht dieser Mutter beginnt mit der Erfahrung von mehreren Fehlgeburten und der daraus entstandenen Trauer und Verzweiflung. Eine folgende Schwangerschaft endet glücklich. Wie so häufig sind Frauen im fortgeschrittenen Alter viel kritischer gegenüber dem Medizinangebot. Aber auch andere Hindernisse wie familiäre Skepsis über den eigenen Weg wird  reflektiert. Ein Bericht, den es lohnt, bis zuende zu lesen.

Wir wollten ein Kind bekommen, als wir, Ende Dreißig und Mitte Vierzig zusammenkamen. Wir brachten unsere Beziehung auf einen guten Weg, zogen zusammen, heirateten, und begannen die Odyssee recht unwissend mit zwei frühen Fehlgeburten.
So ging es los mit den eigentlich wunderschönen Vorstellungen von Kindern und Familie. Der Körper spielte nicht mit? Oder waren die beiden doch nicht überlebensfähig gewesen? Ich empfand mich nicht richtig als Frau, krankhaft, versagend, abgesehen von der Wucht der Emotionen, die diese beiden tiefgreifenden Erlebnisse auf mich warfen, auf mich, die ich bis dahin schon recht geprüft war, durch Alkoholkrankheit der Mutter, Krebstod des Vaters und all den damit verbundenen Sorgen und Nöten. Nie hätte ich gedacht, dass so wenige Wochen Schwangerschaft einen dann so umwerfen können, so eine Traurigkeit verursachen können.

Niemand spricht darüber, obwohl es doch viele Frauen gibt, die das erleben, und obwohl es durchaus natürlich ist, denn am komplizierten Anfang einer Schwangerschaft kann so viel schiefgehen – da ist es oft besser, der
Körper merkt früh, dass das kleine Zellhäufchen nicht überlebensfähig wäre und beendet die Schwangerschaft.
Ich hatte das Gefühl, mit meinen verwirrten Gedanken und Ängsten allein zu sein. Die Frage, ob ich eben nicht doch zu alt war, lauerte mit glühenden Augen unter der Oberfläche. Das „Zu Spät“ grinste mich an, sobald ich versuchte, unter diese Oberfläche zu schauen.
Warum haben all die anderen Frauen in meiner Umgebung mir nicht erzählt, was einige später taten, dass sie selbst auch wenigstens ein solches Erlebnis hatten, vor oder zwischen ihren Kindern? Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leistung, Stärke, mediendefinierte Schönheit und Jugend zentrale Erwatungen sind, die man an andere, aber vor allem auch an sich selbst stellt. Eine Fehlgeburt passt nicht in dieses Bild, bedeutet Scham, Versagensängste, Misstrauen in den eigenen, kranken (??) Körper. Frau ist nicht richtig Frau, wenn „es“ nicht klappt. Daran mag es vielleicht liegen, dass niemand davon spricht und die vielen Frauen sich in dieser Situation ganz allein trösten müssen. Ein anderer Grund ist möglicherweise die medizinische Herangehensweise: Ab der 2., spätestens der 3. frühen Fehlgeburt ist frau sogenannte „habituelle Fehlgebärende“. Zack! Da sitzt das Label. Fehlgebärende! Nicht in der Lage, ein Kind zu Ende zu brüten.
Irgendwie erinnert mich das an die historischen Romane aus der Zeit von Henry VIII, die ich gerade lese. Hat sich vielleicht weniger verändert als viele meinen. Es ist nur subtiler, versteckter, und es wirkt wissenschaftlicher, was wohl das Schlimmste ist, denn wie kann frau da etwas dagegensetzen?

Es waren schon zwei Jahre vergangen, ich war 40, kein Kind in Sicht. Ich wurde langsam besessen davon, das in die eigenen Hände zu nehmen, kaufte Ovulations-Prüfsticks, um zu erfahren, wann der günstigste Zeitpunkt fürs Empfangen sei. Es hat nicht lange gedauert, da war ich so frustriert von diesem Nieloslassenkönnen, dieser ewigen Fixierung auf das Kind, das wir haben wollten. Und Sex nach Ovulationsstickzeit war weder praktikabel noch angenehm. Immer fühlte ich in mich hinein. Ich konnte ja nicht raus aus meinem Körper, der sich im ewigen Rhythmus der weiblichen Gezeiten befand. Waren das jetzt Anzeichen einer Schwangerschaft?
Durch die gescheiterten Schwangerschaften wusste ich ja, wie es sich anfühlt, frisch schwanger zu sein. Oder doch Anzeichen der kommenden Menstruation? Gegen Ende des Jahres ging ich zur Frauenärztin meines Vertrauens und bat um gründlichere Untersuchung. Sie fand eine leichte Schilddrüsenunterfunktion aufgrund einer Hashimoto-Thyreoditis, die möglicherweise, aber nicht notwendigerweise Grund für die Fehlgeburten gewesen sein könnte. Ich ließ mich Anfang Januar also inklusive Schilddrüse komplett durchchecken, und man fand nichts außer einer minimal kranken Schilddrüse. Alles beste Werte. Immerhin. Der letzte Durchchecktermin fand statt, als ich gerade wusste, dass ich wieder schwanger geworden war.

Warum war ich schwanger geworden? Ich hatte ein Buch gelesen und eine Begegnung gehabt:
Das Buch der Heilpraktikerin Birgit Zart zeigte sehr einfühlsam, wie wir auf der geistigen Ebene das Empfangen und Leiten der geborenwerdenwollenden Seele begleiten und ihr helfen können. Gleichzeitig berichtete mir meine heilhändige Osteopathin bei einer Behandlung, dass da bereits jemand darauf warte, empfangen zu werden. Dass dieses Wesen aber eben gern empfangen und nicht gezwungen werden wolle.

Durch diese beiden Erlebnisse wurde ich auf einmal ganz ruhig, ich stopfte die Ovulationssticks in die hinterste Ecke des Badschrankes und plante den nächsten Segelurlaub, egal, was käme. Ebenso überlegte ich, wann ich mal wieder ein Sabbatjahr beantragen wollte. Dann warf ich eines Abends im Bett meinen gedanklichen silbernen Faden aus, und schwupp! Da griff schon jemand zu, ich fühlte das, sah es regelrecht. Eine Seele wollte zu uns und hatte wohl schon lange darauf gewartet, dass wir endlich soweit sind. Sie griff fest und resolut zu.
Ich machte vier Schwangerschaftstests, vier Tage hintereinander, um es glauben zu können. Der Streifen war schwach ausgeprägt, aber unleugbar. Ich wusste nun, ich war fit, gesund und schwanger, musste eine geringe Menge Schilddrüsenhormon nehmen und mich ansonsten ganz normal verhalten. Wie verhält man sich normal, wenn man doch noch voller Ängste durch die vorangegangenen Erfahrungen ist und sich nicht wagt, an das Glück zu glauben, das man eigentlich doch schon genau fühlen konnte? Ich ließ anfangs die Ärztin häufiger nachsehen, was ich heute auf keinen Fall mehr machen würde, denn jedes Ultraschall zuviel ist zu viel! Aber es half mir zu glauben, dass ein kleines Wesen in mir war, das wirklich, wirklich dableiben wollte und konnte.

Ich studierte den Mutterpass. Was wurde sozusagen hineingestempelt? Es gab Risikofaktoren in der Familie, es gab mein Alter. Meine Frauenärztin war aber so freundlich und einfühlsam, vielleicht auch einfach so vernünftig, das Kreuz nicht bei „Risikoschwangerschaft“ zu machen, obwohl das den Regeln nach auf jeden Fall so hätte sein sollen. Sie war überhaupt unglaublich zurückhaltend mit der Fehlersuche, weshalb ich ihr heute noch dankbar für ihre Ruhe und ihr Rückgrat bin, mich als mündigen Menschen zu behandeln.
Als die ersten wackeligen 12 Wochen vorbei waren, entschloss ich, dass es Zeit sei, an das Wunder zu glauben, bat meine Frauenärztin um seltene Termine nach normalem Turnus ohne Ultraschall und berichtete meinem Arbeitgeber von der Schwangerschaft. Mir war vier Monate lang ständig übel, ich konnte nichts essen, außer Äpfeln, aber sonst ging es mir gut. Danach ging es mir genau gesagt oft besser denn je, nur anstrengend war alles geworden. Nach der Arbeit fiel ich ins Bett und schlief, konnte nichts mehr vor- oder nachbereiten oder korrigieren, es ging einfach nicht. Meine Ärztin schrieb mich also teilarbeitsfähig mit begrenzter Stundenzahl, woraufhin ich ohne einen einzigen Fehltag meine Arbeit wunderbar schaffen konnte und zuverlässig bis zum Schluss sein konnte. Klar wurde mir, dass Frauen auch schon früh in der Schwangerschaft nicht mehr unbedingt so belastbar beruflich sind und viele eigentlich von Gesetz wegen noch mehr Schutz bräuchten, indem sie, ohne betteln zu müssen, weniger arbeiten dürften.

Die Schwangerschaft verlief vollkommen komplikationslos. Früh hatte ich eine wunderbare Hebamme hinzugezogen, die vom 7. Monat an statt der Gynäkologin die Untersuchungen vornahm, was meine wunderbare Frauenärztin überhaupt nicht bösartig von mir fand, wie es ja wohl so oft der Fall ist. Ich durfte selbst bestimmen. Ich bestimmte selbst, dass ich keine Vitaminpräparate, kein Jod, kein Fluor keine Nahrungsergänzungsmittel nehmen würde, und mein „Team Hebamme und Ärztin“ unterstützten mich dabei.

Dann kam die Frage nach dem Gebären. Ich war 40, bei der Geburt würde ich als 41-Jähige sogenannte Spätgebärende sein, damit Risikoschwangere, wie 75% der anderen Schwangeren auch. Welch eine interessante Erkenntnis: Risikoschwanger, wie drei viertel aller Schwangeren auch. Was konnte das nur sagen? Schwangerschaft ist wie das Leben: Ein Risiko, und damit ganz normal.

Ich besuchte mit meinem Mann Krankenhäuser in unserer Umgebung, von Anfang an skeptisch, weil ich mich nicht in einer so verletzlichen Situation wie einer Geburt wehrlos in den Händen von Ärzten und auch einfach nur unbekannten Personen sehen mochte und weil ich nicht einsehen mochte, dass Geburt etwas mit Kranksein zu tun haben sollte.
Das erste Krankenhaus mit Säuglingsintensivstation zeigte stolz das Arsenal an Ausrüstung und die zwar recht freundlichen Kreißsäle, die trotz aller Bemühungen aber doch Krankenhausräume waren. Die Bemerkung, dass ich auf jeden Fall als erstes bei Ankunft eine Braunüle eingeführt bekäme, das mache man hier so und darüber sei auch nicht zu diskutieren, führte zur Abwertung. Hier würde ich mich nicht selbstbestimmt sicher fühlen können.

Blieb Krankenhaus Nummer 2. Dieses gab sich sehr sanft, sehr zugewandt in der Außenwirkung, fast als wäre es ein sogenanntes „Babyfreundliches Krankenhaus“, was nicht so war. Wohl kaum, bei einer Kaiserschnittrate von über 30%. Bei der Veranstaltung für Schwangere nebst Partner waren 5 Ärzte bzw. Ärztinnen und eine Hebamme anwesend. Warum fiel das außer mir niemandem auf? Hier war wieder die Betonung auf die Sicherheit, in der frau sich befände, weil gleich eine Armee von Ärzten verfügbar sei und frau auch als erstes von einem Arzt oder einer Ärztin untersucht würde, bevor man die Hebamme hole. Mir reichte das schon. Ich wollte gebären, nicht ärztlich beraten oder untersucht werden. Ich brauchte Hebammen und keine Ärzte dazu, so war mein Verständnis.

Die nächste Idee: Geburtshaus. Es gab ein geeignetes. Nicht optimal, weil nicht gerade um die Ecke, aber eine gute Alternative. Die Verhandlungen ergaben, dass mich die Hebammen dort leider nicht nehmen konnten, weil ich über 36 war. Das sei ein Ergebnis der Qualitätssicherungsstandards nach Maßgabe durch die Krankenkassen. Man stelle sich das vor! Es gibt keine Statistik, keine einzige Untersuchung, die belegt, dass eine ältere Frau mit normalem Schwangerschaftsverlauf mehr Schwierigkeiten beim Gebären hat, eher im Gegenteil: Weil ältere Frauen oft besser informiert sind, ihren Körper besser kennen und damit auch gelassener sind, verlaufen Geburten bei ihnen oft leichter als bei jungen Frauen. Ich fühlte mich zutiefst diskriminiert. „Qualitätssicherung“ bei der Geburtshilfe, eine Idee, die letztendlich Frauen diskriminiert und ihnen die Selbstbestimmung nimmt.

Aber es half nichts. Ich war schon so weit, in den Wald gehen zu wollen, mit Seilen am Baum hängend, aber natürlich war ich dafür auch zu aufgeklärt. Die Hebamme des Geburtshauses bot mir an „mich“ im dritten Krankenhaus „zu entbinden“. Sprachlich schon wieder ein interessantes Phänomen: „Jemand entbindet“ eine Frau; von was eigentlich? Ist das nicht mein eigener Job als Schwangere? Aber immerhin, die Hebamme hatte einen guten Ruf, meine eigene Hebamme bestätigte das. Ich machte also einen Termin im dritten Krankenhaus. Es war altmodischer als die anderen und gab nicht so viel auf Außenwirkung, was ich eher vertrauenerweckender fand als die anderen. Aber es gab dort einen berüchtigten Kaiserschnittarzt, der bekannt dafür war, sich sehr rigoros auch ungebeten in die Arbeit der Beleghebammen einzumischen. Dort konnte ich unmöglich mein Kind zur Welt bringen. Ich wusste ja nicht, ob er gerade dann Schicht hatte, wenn ich ankam.

Da standen wir nun, mein Mann, der fand, dass er nur Bodenpersonal, und ich in diesem Falle Pilotin sei und damit zu entscheiden hätte, und ich - ratlos. Immer wenn ich mir vorstellte, bei Wehen ins Krankenhaus zu gehen, kamen mir außer Angstgefühlen und der Vorstellung, ich müsste mich wappnen, um mich ggf. gegen unerwünschtes Vorgehen zu wehren, noch andere, eher sachliche Überlegungen: Ich war privat versichert. Ich war die berühmte goldene Gans. Konnte ich in der außergewöhnlichen Situation unter Wehen aufpassen, dass niemand daraus Gewinn machen wollte?
Es wäre naiv zu glauben, dass diese Möglichkeit abwegig ist. Die Ärzte stehen immer mit einem halben Bein im Rechtsstreit, wenn es zu Komplikationen kommt und sie nicht eingreifen. Würden sie auch genug Vertrauen zu mir haben können, um die Geburt geschehen zu lassen, zu warten, nicht einzugreifen? Würde ich in der Lage sein, trotz all dieser sachlich durchaus berechtigten Zweifel und den damit verbundenen Ängsten entspannt im Krankenhaus mein Kind zur Welt zu bringen?

Ein Besuch bei meiner homöopathischen Ärztin brachte mir die Erleuchtung. Diese wunderbare, mutige Frau sagte mir ins Gesicht: „Sie können nicht ins Krankenhaus gehen. Sie würden dort verkrampfen, so dass die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen groß wäre. Sie müssen eine Hausgeburt machen“ Sie kannte mich. Was ich eigentlich von Anfang an gewusst hatte, sagte sie mir blank ins Gesicht. Sie hatte Recht, ich erkannte das sofort. Aber ich war ein Kind unserer medizinisch geprägten Gesellschaft, trotz aller Skepsis und trotz aller Fähigkeit zum Andersdenken. Hausgeburt? Das fühlte sich auf der einen Seite nach viel Ruhe und Sicherheit an, auf der anderen Seite nach Risiko. Denn was, wenn es Komplikationen gäbe? Ich brütete darüber. Im Zweifelsfalle war das nächste Krankenhaus in maximal zehn Minuten zu erreichen. Auch nicht viel mehr Zeit als im Krankenhaus die Verlegung in den OP dauern würde. Eine passende Hebamme wäre nötig. Was würde mein Mann sagen? Er hat eine Blut- und Fäkalienphobie.
Ich sprach mit meinem Mann. Der fiel erst einmal hintenüber und blickte mich an wie das Kaninchen die Schlange und vergaß die Pilot-Bodenpersonalphilosophie. Sein heiliges Heim blutbesudelt durch eine Geburt?
Völlig undenkbar. Das war die erste Reaktion. Wir redeten. Er konsultierte alte Freundschaften, die ihm die Leviten lasen und meinten, er solle mich gefälligst unterstützen. Er konsultierte eine Therapeutin, der er, ganz Manager, von Beginn an sagte, er habe noch wenige Wochen Zeit, bis zur Geburt müsse er die Phobien im griff haben, ihre Aufgabe sei es, das zu erreichen. Es hatte schon eine komische Seite, unser Geburtsthema.

Mein Mann arbeitete also an sich, ich brütete und arbeitete an der verantwortungsvollen Vorbereitung der Hausgeburt. Der Entscheidungsprozess hatte lange gedauert. Ich war in der 37. Woche. Ich rief die einzige in der Stadt infrage kommende Hebamme an, die tatsächlich ärgerlich reagierte, weil ich so spät anfragte, aber „wenn’s denn unbedingt sein müsse“ sich mit mir treffen wollte. Das war natürlich so wenig vertrauenerweckend, dass ich den Termin gleich wieder absagte.
Durch Vermittlung meiner Ärztin fand ich eine Hebamme in der 80 km entfernten Landeshauptstadt, die eine Stunde brauchen würde, um zu uns zu kommen. Meine eigene, langjährig hausgeburtserfahrene Hebamme sagte zu, sie würde kommen, wenn ich anriefe, um sozusagen die Vorhut zu bilden. Als ich auch die Hausgeburtshebamme kennengelernt hatte, wurde ich ganz ruhig. Nun konnte das Baby kommen. Es war alles vorbereitet. Warum konnte meine Hebamme, die gefühlt 730 Jahre lang schon Hausgeburten begleitet hatte, den Job nicht selbst übernehmen? Weil seit kurzem durch eine gesetzliche Änderung die Versicherung für Hausgeburtshebammen so hoch geworden ist, dass sie diese Arbeit nicht mehr machen können, wenn sie davon noch leben wollen. Also haben viele es aufgegeben, Hausgeburten zu betreuen, aus Kostengründen.

Wieder unglaublich, wenn man dazu weiß, dass Hausgeburten nachweislich nicht komplikationsreicher sind als Klinikgeburten, tatsächlich wird in Kliniken häufiger eingegriffen, was zusätzlich zu Komplikationen führt, während zu Hause die Hebamme es aushalten kann, dem natürlichen Vorgang seinen Lauf zu lassen. Es ist wieder ein drastischer Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht der Frau, Gesetze zu erlassen, die es Frauen fast unmöglich machen, ihren Geburtsort selbst zu wählen! Es ist ein Skandal! Es ist beschämend, wie sich mittelalterliche Vorgehensweisen bis heute auf so subtile Weise halten und Frauen weiterhin schwach gemacht werden, ihre mütterliche, weibliche Kraft nicht vertrauensvoll und vor allem selbstbestimmt und mächtig leben zu können! Immerhin haben das auch Gesundheitsorganisationen wie die WHO erkannt, weshalb die Kaiserschnittraten in Deutschland zu großer Kritik bei der Bewertung von Krankenhäusern führen.

Mehr als 10%, so sagen die Weltgesundheitler, ist zu viel. Hierzulande werden zwischen ein Drittel und der Hälfte aller Gebärenden per Kaiserschnitt „entbunden“, je nach Krankenhaus.
Zurück zu uns. Wir hatten Glück. Als die Wehen zehn Tage nach Termin einsetzten, dachte ich, in der Badewanne liegend, ich hätte Blähungen. Da diese dann aber alle 5 Minuten sehr regelmäßig kamen, lag der Verdacht nahe, es könne doch etwas mit dem Baby in meinem Bauch zu tun haben. Ich machte mich nachtfertig, es war neun Uhr abends, dachte, ich warte mal, was noch passiert. Mein Mann war weniger ruhig. Er rannte zu seinem Rechner, um im Internet zu recherchieren, wie eine Standardgeburt zu passieren habe, damit er dann wüsste, was ich nicht wusste – ob „es“ soweit war. Die Wehenabstände machten ihm zu schaffen. Das sollte doch standardmäßig erst mit viel längeren Pausen passieren? Ich versuchte nur einmal, ihm zu versichern, dass dies von Frau zu Frau verschieden sei und es keine Standardabläufe in dieser Beziehung gäbe. Das hatten wir doch alles beim Geburtsvorbereitungskurs gelernt.

Mein Mann beschloss, einen Kuchen zu backen. Das hatte die Hebamme in der Geburtsvorbereitung empfohlen: „Backt erst mal einen Kuchen, wenn die Wehen einsetzen. Nur nicht zu früh ins Krankenhaus fahren. Ruhe bewahren!“ Da es mittlerweile doch anfing, zu zwiebeln und ich dazu übergegangen war, die Blähungen vorsichtshalber wie gelernt über einem Stuhl im Esszimmer zu veratmen, ließ ich mich immerhin zu der Bemerkung herab, ich könne beim Kuchenbacken wohl nicht mehr sehr hilfreich sein, und ich hätte eher den Eindruck, das lohne nicht mehr wirklich. Die Wehen kamen alle anderthalb bis zwei Minuten.

Zwei Stunden nach den ersten wahrgenommenen „Blähungen“ beschloss ich, meine Hebamme anzurufen, die sich sogleich auf den Weg machte. Als sie eintraf, war der halb angerührte Kuchen kaltgestellt, ich hing am Kragen meines Mannes in meinem Zimmer vor dem Bett und schüttelte mich wehenveratmend. Mein Mann sorgte für Kerzenlicht, was ich nicht mehr wahrnahm, er aber hilfreich fand, um nicht alles zu genau sehen zu müssen. Der Muttermund war bereits 5-6cm geöffnet, und die Geburt war im vollen Gange. Um ein Uhr nachts kam auch die Hebamme von Ferne, die nur noch knapp eine halbe Stunde der Geburt miterlebte. Ich risikogebärende Alte hatte also gefühlt zwei Stunden Blähungen und zweieinhalb Stunden Geburtsvorgang. Als der Kopf des Kindes vor dem Damm war, traute ich mich nicht zu pressen. Es war doch ziemlich eng für den Kopf. Da sagte meine Hebamme freundlich: „Du kannst das Kind jetzt rauspressen.“ Woraufhin ich beschloss, dass ich, da ich es ja schlecht wieder hineinschieben könnte, wohl tatsächlich pressen müsste. Unsere Tochter schoss laut Aussagen meines Mannes wie ein Basketball heraus.

Die Hebammen konnten die Kleine gerade noch auffangen, reichten mir das winzige, kräftig quiekende Wunder mitsamt Nabelschnur durch die Beine nach vorn, man muss wissen, ich kniete mittlerweile vor dem Bett. Mit etwas akrobatischem Aufwand konnte ich die Kleine an mich nehmen, halten, die Nabelschnur abtrennen, und ... Es war ein zu großes Wunder, um es zu fassen. Ich hatte mich selbst entbunden, begleitet von wunderbar ruhigen, erfahrenen und geduldigen Fachfrauen und meinem tapferen Mann. In der Wohnung, einfach so. Die Geburt war natürlich eine Grenzerfahrung, aber dennoch kann ich die vielen hektischen Geschichten um Geburt nicht aus eigener Erfahrung nachvollziehen, es war viel leichter als ich es mir je vorstellen konnte. Mein Körper hat gearbeitet, ich habe gemacht, was sich instinktiv richtig anfühlte und war erstaunlich gelassen und entspannt, fühlte mich sicher, geborgen, gut aufgehoben. Ich wusste, dass alles seinen Lauf nehmen würde und richtig war, so, wie es war.

Nachdem wir gestillt hatten, ging ich duschen, mein Mann nahm die Kleine nackt auf die nackte Brust. Erst danach wurde sie untersucht, gereinigt und angezogen. Sie kam dann gleich wieder zu mir, und ich verbrachte allein und mit meinem Mann Tage und Nächte damit, dieses wundersame Geschenk des Himmels anzustaunen, immer nur anzusehen, ganz ungestört, das nun unser komplettes Leben verändern würde.

Unsere Tochter war 2700g leicht, 48 cm klein und sehr lebendig, sehr wach, sehr fit und vollkommen gesund. Sie bekam kein Vitamin K, kein Vitamin D, keine Impfung, kein Jod, kein Fluor. Wir hielten uns Besuch vom Leibe und verbrachten 14 Tage, die mein Mann Urlaub hatte, ganz für uns, mit täglichen Hebammenbesuchen, die immer sehr schön waren. Soweit war unser zunächst schwieriger Weg wundersam schön weitergegangen, in Begleitung von sehr einfühlsamen und heilkundigen Frauen, womit ich die Ärztinnen und die Hebammen beiderseits meine.

Wenige Tage nach der Geburt, in der schönsten Zeit des innigsten Staunens wurden wir von einem sehr aggressiven Anruf nebst folgenden Emailkontaktes überfallen: Die Schwiegereltern warfen meinem Mann mit sehr harten Worten Leichtsinn vor, da wir eine Hausgeburt hatten. Sie waren nachträglich außer sich, fühlten sich vernachlässigt, weil wir ihnen davon nichts vorher gesagt hatten. An dieser harten Vorgehensweise in der zauberhaftesten Zeit unseres Lebens kann man schon erkennen, warum sie nicht wirklich das Vertrauen meines Mannes besaßen und er zuvor entschieden hatte, sie nicht einzuweihen. Einige Tage brauchten wir, um uns von ihrem Angriff zu erholen, Milchstau und Brustentzündung natürlich inklusive. Frau ist so verletzlich in dieser Zeit, und auch mein Mann musste sich geradezu übergeben, nachdem er die schlimmste der Mails gelesen hatte, so sehr nahm es ihn mit.

Es war der Anfang vieler Kritik, der wir, einen ungewöhnlichen Weg gehend, ewig ausgesetzt waren. Manche Leute sprachen uns direkt an, andere ließen uns durch Blicke und Reaktionen genau wissen, was sie von unserer Art, das Baby zu behandeln, hielten. Was waren die Punkte, die so große Kritik erregten?

1. Wir brachten das Kind zu Hause zur Welt.
2. Wir gaben keine Mittel (Vitamine etc.)
3. Wir impften nicht.
4. Wir trugen das Kind ständig, auch tagsüber zum Schlafen, zumindest anfangs.
5. Später wiegten wir das Kind in der Hängewiege in den Schlaf, mein Mann immer daneben, ich
zumindest zum Aufwachen und Einschlafen.
6. Wir schliefen nachts zusammen, mit unserem Kind im Beistellbett.
7. Wir stillten nach Bedarf, jederzeit.
8. Wir fütterten später keinen Brei, sondern ließen das Kind selbstbestimmt am Essen teilnehmen, sobald es Lust dazu bekam.
9. Wir „verwöhnten“ unser Kind im ersten Jahr komplett und versuchten auch später nicht, es auf eine Weise an Grenzen zu gewöhnen, die es bloßstellte und sich klein fühlen ließ.
10. Wir behandelten die wenigen auftretenden Krankheiten nur homöopathisch und mit viel Geduld und Liebe.
11. Wir stillen länger als 6 Monate, länger als ein Jahr, so lange, wie das Kind es braucht. Wir haben das Abstillen nicht geplant.

Die Liste ist sicher nicht komplett. Natürlich können wir uns abends schlecht verabreden, ist doch klar. Wir haben ein kleines Baby. Für uns ist das ok. Das Kind geht mit Papa ins Bett und wacht mit Mama auf.
Dazwischen kann es stillen, wenn es das braucht. Wir haben sehr ruhige Nächte. Viele Menschen in unserer Umgebung finden das affig, übertrieben, verantwortungslos, je nach Laune und eigener Vorstellung. Es ist schon erstaunlich.

Heute ist unsere Tochter 15 Monate alt, läuft, lacht, lebt aus allen Poren, stillt noch viel und ist weiterhin ein großes Wunder für uns mit ihrer energischen, fröhlichen, unternehmungslustigen und sehr bewegungsfreudigen Art. Sie hat uns schon viel beigebracht und wird auch weiterhin einiges in unserem Leben auf den Kopf stellen, aber langsam kommen auch für uns die einen oder anderen Freiheiten wieder. Interessant finde ich immer wieder, dass unsere Kleine mit derselben resoluten Art, wie sie auf die Welt gekommen ist, ins Leben geht.

Was mich bewegt und beschäftigt, ist die Tatsache, dass so viele Aspekte, die unserer Umgebung Anlass zu Kritik geben, gut erforscht und belegt sind. Es ist wichtig, viel Kontakt zum kleinen Baby zu haben, es nicht wegzulegen. Es ist so gesund und aus evolutionärer Sicht vollkommen normal und das Optimum in Sachen Ernährung, wenn das Kind lange gestillt wird. Es ist ebenfalls nicht belegt, dass langes Stillen psychische Probleme verursacht, Beobachtungen weisen eher auf das Gegenteil hin. Es ist erwiesen, dass Babys besonders nachts den Kontakt zu den Eltern brauchen und mindestens im ersten Jahr der Plötzliche Kindstod unwahrscheinlicher wird, wenn das Baby bei der Mutter (sicher) schläft. Es ist erwiesen, dass man ein kleines Baby gar nicht genug verwöhnen kann, wenn man seine Entwicklung fördern will. Man weiß, dass Frauen bei Hausgeburten entspannter und leichter gebären können, vorausgesetzt, sie haben keine Angst vor der Geburt ohne die vermutete Sicherheit der Medizin im Hintergrund – oder Vordergrund. Ich könnte ewig fortfahren und seitenweise Quellen angeben, die meine Aussagen belegen, aber das ist nicht Ziel dieses Textes.

Ich möchte ein Plädoyer abgeben für die Selbstbestimmung der Frau als Mutter. Selbstbestimmung, Mutter werden und sein zu können, selbst zu wählen, wo und wie sie gebären möchte, die nötige Unterstützung dafür selbstverständlich zu erhalten; Selbstbestimmung beim Stillen, egal wann, wo und wie lange; Selbstbestimmung beim Folgen der eigenen Instinkte, den Bedürfnissen des Kindes nachzukommen; Selbstbestimmung in der Entscheidung, welche vermeidbaren Fremdstoffe die Eltern für das Kind zulassen wollen (Vitamingaben, Impfungen, Medizin); Selbstbestimmung, wie Eltern ihr Leben verändern wollen, wenn das Baby da ist; Selbstbestimmung in der Frage, ob die Mutter zu Hause bleiben möchte, um für das Kind da zu sein.

Wir leben nicht in einer Gesellschaft, die diese Art der Selbstbestimmung gestattet. Wir sind, was das anbetrifft, noch eine Gesellschaft auf der Scheibe, um die sich das Universum dreht. Wir müssen unsere Ursprünge kennen, unsere biologischen Bedürfnisse, bevor wir die sogenannte moderne Gesellschaft daherum gestalten.
Wir haben noch so vieles nicht verstanden, und man hat den Eindruck, dass wir auch unbedingt nicht verstehen wollen, dass die Erde doch rund ist und nicht das Zentrum des Universums.
Liebe Frauen, habt den Mut, eurem Körper zu vertrauen, eurem Herzen, eurer ungeheuren Kraft als Frauen, Gebärende, Mütter. Es ist eine Macht in euch, mit der sich niemand messen kann. Lasst euch nicht weismachen, ihr könntet das nicht ohne medizinische Hilfe oder haufenweise Lenkung!

Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird es bald in unserem Lande keine Hausgeburtshebammen mehr geben, niemanden mehr, die erfahren genug ist, um auch schwierige Verläufe kompetent und sicher zu einem guten Ende zu begleiten. Das ist Resultat der Entscheidung von Menschen, die nichts über unsere Herkunft und Bedürfnisse wissen, aber viel über finanzielle Hintergründe und die Mechanismen, wie man aus Angst, die Kontrolle aufzugeben, Menschen bestimmen kann. Wir Frauen und verständigen Männer sollten es nicht soweit kommen lassen und vorher verlangen, dass unser Selbstbestimmungsrecht gewahrt und geschützt wird.

Wir müssen Ärzte ablehnen, die uns nicht fragen, was wir wollen, sondern anordnen, was wir müssen. Wir müssen andere Frauen unterstützen, wenn sie selbstbestimmt entscheiden wollen. Wir müssen diskutieren, wo immer es möglich ist, um die andere Meinung zu vertreten, die sonst nie geäußert wird, weil frau sich nicht traut, denn Andersdenkende werden immer sanktioniert. Heute werden sie immerhin wenigstens nicht mehr verbrannt. Kurz: Wir sollten unsere Kraft und Stärke als Frauen und Lebenspendende nutzen, um für uns und unsere Rechte einzutreten, die uns in diesem Land immer mehr verwehrt werden, auf so subtile Weise!
Fangen wir gleich damit an!